www.ebbemunk.dkarrowDie Geheimrede Chruschtschows (1956)

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Der Großer Vaterländischen Krieg

Die Einzelherrschaft Stalins führte zu schweren Folgen im Verlauf des Großen Vaterländischen Krieges.

Nimmt man unsere zahlreichen historischen Romane, Filme und historischen "wissenschaftlichen Studien", so wird in ihnen die Rolle Stalins im Vaterländischen Krieg ganz und gar nicht wahrheitsgemäß dargestellt. Gewöhnlich zeichnet man folgendes Schema: Stalin hat alles vorausgesehen. Die Sowjetarmee verfolgte, wahrscheinlich aufgrund des von Stalin ausgearbeiteten strategischen Plans, die Taktik der aktiven Verteidigung, eine Taktik, die bekanntlich die Deutschen bis vor Moskau und Stalingrad kommen ließ. In Anwendung dieser Taktik ging die Sowjetarmee angeblich nur dank der Genialität Stalins zur Offensive über und zerschmetterte den Feind. Der epochale Sieg, der von den bewaffneten Kräften des Sowjetlandes, von unserem heldenhaften Volk errungen wurde, wird somit in den Romanen, Filmen und "wissenschaftlichen Studien" vollkommen der strategischen Genialität Stalins zugeschrieben. [Engl.Anm]

Man muß diese Frage aufmerksam analysieren, weil sie nicht nur große historische Bedeutung, sondern vor allem auch politische, erzieherische und praktische Bedeutung hat.

Wie sind die Tatsachen in dieser Angelegenheit?

Vor dem Krieg herrschte in unserer Presse und in der gesamten Erziehungsarbeit ein prahlerischer Ton: Wenn der Feind die heilige sowjetische Erde überfällt, dann antworten wir auf den Stoß des Feindes mit einem dreifachen Stoß. Den Krieg werden wir auf das Territorium des Feindes tragen und ihn bei geringen Verlusten gewinnen. Doch diese plakativen Erklärungen waren durchaus nicht in allen Bereichen durch konkrete Vorkehrungen gestützt, die tatsächlich die Unverletzlichkeit unserer Grenzen gewährleistet hätten.

Im Verlauf des Krieges und danach brachte Stalin die These vor, daß die Tragödie, die unser Volk in der ersten Periode des Krieges erlebte, angeblich das Ergebnis des "unerwarteten" Überfalls der Deutschen auf die Sowjetunion gewesen sei. Aber, Genossen, das entspricht doch überhaupt nicht der Wirklichkeit. Hitler stellte sich unmittelbar nach der Machtübernahme in Deutschland das Ziel der Zerschmetterung des Kommunismus. Die Faschisten sprachen offen darüber und verheimlichten ihre Pläne nicht. Zur Verwirklichung dieser aggressiven Ziele wurden verschiedenartige Pakte, Blöcke und Achsen gezimmert, solche wie die berüchtigte "Achse Berlin-Rom-Tokio". Zahlreiche Fakten aus der Vorkriegsperiode bezeugen deutlich, daß Hitler alle Kräfte darauf richtete, den Krieg gegen den Sowjetstaat auszulösen, und daß er gewaltige militärische Verbände, darunter auch Panzerverbände, in der Nähe der sowjetischen Grenzen konzentrierte. Aus den heute veröffentlichten Dokumenten geht hervor, daß Churchill schon am 3. April 1941 durch Vermittlung des britischen Botschafters in der UdSSR, Cripps, Stalin persönlich warnte, daß die deutschen Truppen eine neue Verlagerung begonnen hatten und sich auf den Überfall auf die Sowjetunion vorbereiteten. [Anmerkung] [Engl.Anm]

Es versteht sich von selbst, daß Churchill dies ganz und gar nicht aus freundschaftlichen Gefühlen gegenüber dem Sowjetvolk tat. Er hatte dabei seine imperialistischen Ziele – Deutschland und die UdSSR in einen blutigen Krieg zu verwickeln und die Position des britischen Imperiums zu stärken. Nichtsdestoweniger jedoch konstatierte Churchill in seinem Schreiben, er bitte darum, "Stalin zu warnen, damit seine Aufmerksamkeit auf die drohende Gefahr gelenkt" wird. Churchill unterstrich das mit Nachdruck auch in seinen Telegrammen vom 18. April und an den folgenden Tagen. Stalin zog diese Warnungen jedoch nicht in Betracht. Mehr noch, Stalin wies an, daß derartigen Informationen nicht geglaubt werden solle, um angeblich keine militärischen Handlungen zu provozieren.

Festzustellen gilt, daß derartige Informationen über die drohende Gefahr des Einfalls deutscher Truppen in das Territorium der Sowjetunion auch über unsere militärischen und diplomatischen Vertretungen eintrafen. Aber weil die Führung von vornherein gegenüber derartigen Informationen voreingenommen war, wurden sie jedesmal vorsichtig formuliert und mit Vorbehalten versehen.

So teilte z. B. der Marineattache in Berlin, Kapitän Woronzow, in einem Telegramm vom 6. Mai 1941 mit: "Der Sowjetbürger Böser teilte unserem stellvertretenden Marineattache mit, daß den Worten eines Offiziers aus dem Hauptquartier Hitlers zufolge die Deutschen für den 14. Mai einen Überfall auf die UdSSR über Finnland, die baltischen Länder und Lettland vorbereiten. Gleichzeitig sollen große Luftangriffe gegen Moskau und Leningrad geflogen sowie Fallschirmspringerlandungen in Grenzstädten vorgenommen werden ..." [Engl.Anm]

In seinem Bericht vom 22. Mai 1941 teilte der stellvertretende Militärattache in Berlin, Chlopow, mit, daß "... der Angriff der deutschen Truppen angeblich auf den 15. 6. festgelegt wurde, doch es ist möglich, daß er in den ersten Tagen des Juni beginnt..." [Engl.Anm]

In einem Telegramm unserer Botschaft aus London vom 18. Juni 1941 wurde mitgeteilt: "Was den gegenwärtigen Augenblick betrifft, so ist Cripps fest davon überzeugt, daß der bewaffnete Zusammenstoß zwischen Deutschland und der UdSSR unvermeidlich ist, und zwar nicht später als Mitte Juni. Den Worten von Cripps zufolge haben die Deutschen bis zum heutigen Tag an den sowjetischen Grenzen 147 Divisionen (Luftstreitkräfte und Hilfstruppen eingeschlossen) konzentriert ..." [Engl.Anm]

Trotz dieser ungewöhnlich ernsten Signale wurden keine ausreichenden Maßnahmen ergriffen, um das Land zur Verteidigung vorzubereiten und das Überraschungsmoment auszuschließen.

Hatten wir Zeit und Möglichkeiten für solche Vorbereitungen? Ja, wir hatten die Zeit und die Möglichkeiten. Unsere Industrie war bereits auf einem solchen Niveau, daß sie die Sowjetarmee mit allem, was sie benötigte, versorgen konnte. Das wird schon dadurch bestätigt, daß das sowjetische Volk, nachdem wir im Verlauf des Krieges fast die Hälfte unserer gesamten Industrie wegen der Besetzung der Ukraine, des Nordkaukasus, der Westgebiete des Landes, wichtiger Industrie- und Getreidegebiete durch die Deutschen verloren hatten, in der Lage war, die Produktion von militärischer Ausrüstung in den östlichen Gebieten des Landes zu organisieren, die dorthin aus den westlichen Industrierevieren transportierten Ausrüstungen in Betrieb zu setzen und unsere Streitkräfte mit allem zu versorgen, was zur Zerschlagung des Feindes gebraucht wurde. [Engl.Anm]

Wenn unsere Industrie rechtzeitig und ausreichend zur Versorgung der Armee mit Waffen und nötigem Gerät mobilisiert worden wäre, dann hätten wir unermeßlich weniger Opfer in diesem Krieg davongetragen. Eine solche Mobilisierung wurde jedoch nicht rechtzeitig vorgenommen. Und bereits in den ersten Kriegstagen zeigte sich, daß unsere Armee schlecht ausgerüstet war, daß sie nicht genügend Artillerie, Panzer und Flugzeuge zur Abwehr des Feindes besaß.

Die sowjetische Wissenschaft und Technik hatte vor dem Krieg ausgezeichnete Typen von Panzern und Artillerie entwickelt. Doch es wurde für all das keine Massenproduktion organisiert, und wir sind praktisch erst am Vorabend des Krieges zur Modernisierung der Armeeausrüstung übergegangen. Infolgedessen hatten wir im Augenblick des Überfalls des Feindes auf das Sowjetland weder ausreichende Mengen an altem Gerät, das wir ja aus der Ausrüstung herausgenommen hatten, noch an neuem Gerät, dessen Einführung wir erst beabsichtigten.

Sehr schlecht stand es um die Luftabwehrgeschütze, nicht organisiert worden war die Produktion von Panzerabwehrmunition. Viele befestigte Räume erwiesen sich im Augenblick des Überfalls als ungeschützt, weil die alten Waffen von ihnen abgezogen und neue noch nicht verfügbar waren.

Leider galt dies nicht nur für Panzer, Artillerie und Flugzeuge. Im Moment des Kriegsausbruchs hatten wir nicht einmal eine ausreichende Zahl von Gewehren zur Bewaffnung der Einberufenen. Ich erinnere mich, daß ich in jenen Tagen von Kiew aus Malenkow anrief und ihm sagte: [Anmerkung]

"Die Menschen melden sich zur Armee und verlangen Waffen. Schickt uns Waffen." [Engl.Anm]

Darauf sagte mir Malenkow:

"Wir können keine Waffen schicken. Alle Karabiner haben wir nach Leningrad geschickt. Sie müssen sich selbst bewaffnen."

So stand die Sache mit der Bewaffnung.

Man kann nicht umhin, in Zusammenhang damit an folgenden Fakt zu erinnern. Kurz vor dem Überfall der Hitlertruppen auf die Sowjetunion schrieb Kirponos, Befehlshaber des Kiewer Sondermilitärbezirks (er starb später an der Front), an Stalin, daß die deutschen Armeen bis an den Bug vorgerückt waren, verstärkt alles für den Angriff vorbereiteten und höchstwahrscheinlich in kurzer Zeit zur Offensive übergehen würden. Im Zusammenhang damit schlug Kirponos die Schaffung einer zuverlässigen Verteidigung vor, die Evakuierung von 300 000 Menschen aus den Grenzgebieten und die Errichtung mehrerer mächtiger befestigter Räume: die Anlage von Panzerabwehrgräben, den Bau von Schutzbunkern für die Soldaten u. ä. [Engl.Anm]

Auf diesen Vorschlag wurde von Moskau geantwortet, dies sei eine Provokation, man dürfe keinerlei vorbereitende Maßnahmen an der Grenze durchführen, man dürfe den Deutschen keinen Vorwand für den Beginn von Kriegshandlungen gegen uns geben. Somit waren unsere Grenzen unzureichend auf die Abwehr des Feindes vorbereitet.

Als die faschistischen Truppen schon auf sowjetisches Gebiet eingedrungen waren und die Kriegshandlungen begonnen hatten, kam aus Moskau der Befehl, nicht auf die Schüsse zu antworten. Weshalb? Deshalb, weil Stalin entgegen den offenkundigen Tatsachen meinte, daß dies noch nicht der Krieg sei, sondern eine Provokation einzelner undisziplinierter Einheiten der deutschen Armee, und wenn wir den Deutschen antworteten, diene das als Grund für den Beginn des Krieges.

Bekannt ist auch die folgende Tatsache. Am Vortag des Überfalls der Hitlerarmee auf das Territorium der Sowjetunion überschritt ein Deutscher unsere Grenze und teilte mit, die deutschen Truppen hätten den Befehl erhalten, am 22. Juni 3 Uhr nachts die Offensive gegen die Sowjetunion zu beginnen. Man teilte das unverzüglich Stalin mit, doch auch dieses Signal wurde nicht zur Kenntnis genommen.

Wie Sie sehen, wurde alles ignoriert: sowohl die Warnung einzelner Militärbefehlshaber als auch die Aussagen von Überläufern aus der feindlichen Armee und sogar die offenen Handlungen des Feindes. Ist das der Scharfblick des Führers von Partei und Land in einem so verantwortungsvollen historischen Augenblick?

Und wohin führte eine solche Sorglosigkeit, ein solches Ignorieren offenkundiger Fakten? Das führte dazu, daß der Feind schon in den ersten Stunden und Tagen in unseren Grenzrayons eine große Zahl an Flugzeugen, Geschützen und anderem Kriegsgerät zerstörte, eine bedeutende Anzahl unserer Militärkader vernichtete, die Truppenführung desorganisierte; somit waren wir nicht imstande, ihm den Weg in die Tiefe des Landes zu versperren.

Sehr schwerwiegende Folgen, insbesondere für die Anfangsperiode des Krieges, hatte der Umstand, daß infolge des Mißtrauens Stalins im Verlauf der Jahre 1937 bis 1941 auf der Basis verleumderischer Anklagen viele militärische Kommandeure und Politarbeiter liquidiert worden waren. Im Lauf dieser Jahre wurden mehrere Schichten von Führungskadern Repressalien ausgesetzt, angefangen bei der Kompanie- und Bataillonsebene bis hin zu allen höheren Militärzentren. Dabei wurde der Führungskader, der eine bestimmte Erfahrung bei der Kriegführung in Spanien und im Fernen Osten erworben hatte, nahezu völlig liquidiert. [Engl.Anm]

Die Politik der in breitem Maßstab gegenüber Militärkadern verfügten Repressionen hatte auch die schwerwiegende Folge, daß sie die Grundlagen der militärischen Disziplin untergrub, weil im Laufe mehrerer Jahre die Befehlshaber aller Dienstgrade, ja selbst die Soldaten in den Partei- und Komsomolzellen angewiesen wurden, ihre Vorgesetzten als getarnte Feinde zu entlarven. Es ist klar, daß dies in der ersten Kriegsperiode einen negativen Einfluß auf die militärische Disziplin hatte.

Schließlich hatten wir vor dem Kriege ausgezeichnete militärische Kader, die der Partei und der Heimat grenzenlos ergeben waren. Es genügt, zu sagen, daß diejenigen von ihnen, die mit dem Leben davonkamen - ich denke hier an solche Genossen wie Rokossowski (er war verhaftet worden), Gorbatow, Merezkow (er ist auf dem Parteitag anwesend), Podlas (ein hervorragender Heerführer, er fiel an der Front) und viele andere -, sich trotz der schweren Qualen, die sie in den Gefängnissen erlitten, von den ersten Kriegstagen an als echte Patrioten erwiesen und heldenhaft zum Ruhme der Heimat kämpften. Trotzdem sind viele solcher Heerführer in Lagern und Gefängnissen umgekommen, und die Armee hat sie nicht wiedergesehen. [Anmerkung] [Anmerkung] [Anmerkung] [Engl.Anm]

All das führte zu der Situation, die zu Kriegsbeginn bestand und die zur größten Gefahr für das Schicksal unserer Heimat wurde.

Man sollte nicht vergessen, zu erwähnen, daß nach den ersten schweren Mißerfolgen und den an den Fronten erlittenen Niederlagen Stalin der Ansicht war, daß das Ende gekommen sei. In einem Gespräch jener Tage sagte er:

"Alles, was Lenin geschaffen hat, haben wir unwiederbringlich verloren." [Engl.Anm]

Danach leitete Stalin über lange Zeit faktisch keine Militäroperationen und befaßte sich überhaupt nicht mit irgendwelchen Angelegenheiten, er kehrte erst an die Führung zurück, nachdem einige Mitglieder des Politbüros zu ihm gekommen waren und sagten, man müsse unverzüglich diese und jene Maßnahmen ergreifen, um die Situation an der Front zu verbessern. [Engl.Anm]

Somit war also die bedrohliche Lage, in der sich unsere Heimat in der ersten Periode des Krieges befand, in hohem Grade das Ergebnis der falschen Methoden der Leitung des Landes und der Partei durch Stalin selbst.

Es geht aber nicht nur um den Augenblick des Kriegsbeginns, der unsere Armee ernsthaft desorganisierte und uns schwere Verluste brachte. Nach Beginn des Krieges fügten die Nervosität und Hysterie, die Stalin zeigte, als er sich in den Verlauf der Militäroperationen einmischte, unserer Armee ernste Schäden zu.

Stalin war von einem Verständnis für die reale Situation an den Fronten weit entfernt. Das ist natürlich, weil er während des ganzen Vaterländischen Krieges weder an irgendeinem Frontabschnitt noch in irgendeiner der befreiten Städte gewesen ist, wenn man den Blitzbesuch an der Moshaisker Chaussee bei stabiler Frontlage außer acht läßt, über den so viele literarische Werke mit Phantastereien aller Art geschrieben und so viele Bilder gemalt wurden. Gleichzeitig mischte sich Stalin unmittelbar in den Verlauf der Operationen ein und gab Befehle, die häufig die wirkliche Lage an dem jeweiligen Frontabschnitt nicht berücksichtigten und nur zu gewaltigen Menschenverlusten führen mußten.

Ich erlaube mir im Zusammenhang damit, einen charakteristischen Fakt anzuführen, der davon zeugt, wie Stalin die Fronten führte. Auf dem Parteitag ist Marschall Bagramjan zugegen, der seinerzeit Chef der Operationsabteilung des Stabes der Südwest-Front war und der bestätigen kann, was ich Ihnen jetzt sage: [Anmerkung] [Engl.Anm]

Als 1942 im Gebiet Charkow eine für unsere Truppen außergewöhnlich schwierige Situation entstand, faßten wir den richtigen Beschluß, die Operation zur Einschließung Charkows einzustellen, weil unter den realen Bedingungen jener Zeit eine weitere Fortsetzung einer solchen Operation für unsere Truppen fatale Folgen gehabt hätte.

Wir trugen das Stalin vor und erklärten, daß die Lage eine Änderung des Aktionsplanes verlange, um es dem Feind nicht zu ermöglichen, eine große Gruppierung unserer Armee zu vernichten.

Entgegen dem gesunden Menschenverstand wies Stalin unseren Antrag zurück und erließ den Befehl, die Operation zur Einkreisung Charkows fortzusetzen, obwohl zu jener Zeit über vielen Gruppierungen der Armee bereits die reale Gefahr schwebte, eingekesselt und vernichtet zu werden.

Ich rufe also Wassilewski an und bitte ihn inständig: "Alexander Michailowitsch (Genosse Wassilewski ist hier anwesend), nehmen Sie die Landkarte und zeigen Sie Genossen Stalin, welche Lage entstanden ist." Und man muß dabei anmerken, daß Stalin die Operationen anhand eines Globus plante. [Anmerkung] [Engl.Anm]

So ist es, Genossen, er nahm den Globus und zeichnete auf ihm die Frontlinien an. Ich sage also zu Gen. Wassilewski: "Zeigen Sie auf der Landkarte die Lage, denn unter diesen Bedingungen kann man doch nicht die anfangs geplante Operation fortsetzen. Zum Nutzen der Sache muß die frühere Entscheidung geändert werden."

Wassilewski antwortete mir darauf, daß Stalin dieses Problem schon erörtert habe und daß er, Wassilewski, nicht mehr mit dieser Angelegenheit zu Stalin gehen würde, denn jener wolle keinerlei Argumente mehr zum Thema dieser Operation hören.

Nach dem Gespräch mit Wassilewski rief ich Stalin in seiner Villa an. Doch Stalin kam nicht zum Telefon, den Hörer hob Malenkow ab. Ich sagte Gen. Malenkow, daß ich von der Front anrufe und persönlich mit Gen. Stalin sprechen wolle. Stalin ließ durch Malenkow ausrichten, daß ich mit Malenkow sprechen solle. Ich erklärte wiederum, daß ich Stalin persönlich über die schwere Lage informieren wolle, die bei uns an der Front entstanden war. Aber Stalin hielt es nicht für angebracht, den Hörer zu nehmen und betonte nochmals, daß ich über Malenkow mit ihm sprechen solle, obwohl es nur ein paar Schritte bis zum Telefon waren.

Nachdem Stalin auf diese Weise unsere Bitte "angehört" hatte, sagte er:

"Alles so lassen, wie es war!"

Was ergab sich daraus? Das Schlimmste, was wir uns nur vorstellen konnten. Den Deutschen gelang es, unsere Armeegruppierungen einzukesseln, was zur Folge hatte, daß wir hunderttausende unserer Soldaten verloren. So war das militärische "Genie" Stalin, so teuer ist es uns gekommen. [Engl.Anm]

Während eines Treffens Stalins mit den Mitgliedern des Politbüros irgendwann nach dem Kriege erinnerte Anastas Iwanowitsch Mikojan daran, daß Chruschtschow wohl damals recht gehabt habe, als er wegen der Charkower Operation angerufen hat und meinte, es sei schlecht gewesen, daß er damals nicht unterstützt wurde. [Anmerkung] [Engl.Anm]

Man hätte sehen sollen, wie wütend Stalin wurde! Wie konnte man eingestehen, daß er, Stalin, damals im Unrecht war! Schließlich war er ein "Genie", und ein Genie kann nicht im Unrecht sein! Jeder kann sich irren, aber Stalin meinte, er irre sich nie, er habe immer recht. Niemals und gegenüber niemandem bekannte er sich zu einem größeren oder kleineren Fehler, wobei er nicht wenige Fehler sowohl in theoretischen Fragen als auch in seinem praktischen Handeln beging. Nach dem Parteitag werden wir höchstwahrscheinlich die Beurteilung vieler Kriegsoperationen revidieren und sie im richtigen Licht darstellen müssen.

Viel Blut kostete uns auch jene Taktik, auf der Stalin, der das Wesen der Führung von Kampfoperationen nicht kannte, bestand, nachdem es gelungen war, den Gegner aufzuhalten und zur Offensive überzugehen.

Die Militärs wissen, daß Stalin bereits von Ende 1941 an forderte, anstelle großer operativer Manöver zur Umgehung des Gegners an den Flanken, zur Schwenkung in seinen Rücken ständige Frontalangriffe zu führen und ein Dorf nach dem anderen zu erobern. Wir erlitten aus diesem Grund gewaltige Verluste, bis es unserer Generalität, auf deren Schultern das gesamte Gewicht der Kriegführung ruhte, gelungen war, die Situation zu ändern und zur Führung beweglicher Operationen überzugehen, was umgehend zu einer ernsthaften Veränderung an den Fronten zu unseren Gunsten führte.

Um so schändlicher war die Tatsache, daß nach unserem großen Sieg über den Feind, der uns so teuer kam, Stalin viele Heerführer, die keinen geringen Anteil an diesem Sieg hatten, zu vernichten begann, um jegliche Möglichkeit auszuschließen, die an den Fronten errungenen Erfolge irgend jemand anderem als ihm selbst zuzuschreiben.

Stalin interessierte sich sehr für die Beurteilung des Gen. Shukow als Heerführer. Er fragte mich oft, welche Meinung ich von Shukow habe. Ich sagte ihm damals: [Anmerkung]

"Ich kenne Shukow seit langem, er ist ein guter General und ein guter Heerführer." [Engl.Anm]

Nach dem Kriege begann Stalin über Shukow allen möglichen Unsinn zu erzählen, unter anderem sagte er: "Sie haben Shukow gelobt, doch das verdient er nicht. Man sagt, Shukow sei an der Front vor jeder Operation folgendermaßen vorgegangen: Er nahm eine Handvoll Erde, roch an ihr und sagte, man könne wohl mit dem Angriff beginnen oder aber man könne die geplante Operation nicht durchführen."

Ich antwortete damals:

"Ich weiß nicht, Gen. Stalin, wer sich das ausgedacht hat, doch es ist nicht wahr."

Wahrscheinlich hatte Stalin selbst solche Dinge ausgedacht, um die Rolle und die militärischen Fähigkeiten Shukows zu vermindern.

Im Zusammenhang damit machte sich Stalin äußerst eifrig als großer Heerführer populär, wobei er mit allen Mitteln die Version ins Bewußtsein der Menschen einflößte, alle vom sowjetischen Volk im Großen Vaterländischen Krieg errungenen Siege seien das Ergebnis des Mutes, der Kühnheit und Genialität von Stalin und von niemand anderem. Ganz so wie Kushma Rrjutschkow spießte er mit einem Schlag sieben Mann auf eine Lanze auf. [Engl.Anm]

Wahrhaftig, nehmen wir doch unsere historischen und Kriegsfilme oder einige literarische Werke, die Brechreiz hervorrufen. Sie alle haben doch den Zweck, gerade eine sol che Version zu propagieren, Stalin als genialen Feldherrn zu rühmen. Erinnern wir uns doch an den Film "Der Fall von Berlin". Dort agiert Stalin allein: Er erläßt Weisungen in einem Saal, in dem leere Stühle stehen und wo nur ein einzelner Mensch an ihn herantritt und ihm etwas meldet - das ist Poskrjobyschew, sein getreuer Knappe. [Anmerkung] [Engl.Anm]

Und wo ist die Militärführung? Wo das Politbüro? Wo die Regierung? Was tun sie, und womit befassen sie sich? Sie gibt es in dem Film nicht. Stalin handelte für alle, niemanden beachtend und sich mit niemandem beratend. In einem derart falschen Licht wurde alles dem Volk vorgeführt. Warum? Deshalb, um Stalin mit Ruhm zu umgeben, und das im Gegensatz zu den Tatsachen, im Widerspruch zur historischen Wahrheit.

Es erhebt sich die Frage: Und wo sind unsere Militärs, auf deren Schultern die Schwere des Krieges lastete? Sie gibt es im Film nicht, neben Stalin war für sie kein Platz. Nicht Stalin, sondern die Partei als Ganzes, die sowjetische Regierung, unsere heldenhafte Armee, ihre talentierten Kommandeure und tapferen Soldaten, das ganze sowjetische Volk - das ist es, was den Sieg im Großen Vaterländischen Krieg gewährleistete.

Die Mitglieder des ZK, die Minister, unsere Wirtschaftsfunktionäre, die Aktivisten der sowjetischen Kultur, die Leiter der territorialen Partei- und Sowjetorganisationen, Ingenieure und Techniker - jeder stand auf seinem Platz und gab selbstlos seine Kraft und sein Wissen zur Sicherung des Sieges über den Feind.

Außergewöhnliches Heldentum zeigte unser Hinterland -die ruhmreiche Arbeiterklasse, unsere Kolchosbauernschaft, die Sowjetintelligenz, die allesamt unter der Führung der Parteiorganisationen alle ihre Kräfte der Sache der Verteidigung der Heimat widmeten, wobei sie die unerhörten Schwierigkeiten und Entbehrungen der Kriegszeit ertrugen.

Gewaltige Heldentaten vollbrachten während des Krieges unsere sowjetischen Frauen, die das riesige Gewicht der Produktionsarbeit in den Fabriken und Kolchosen, an verschiedenen Abschnitten der Wirtschaft und Kultur auf sich nahmen; viele Frauen nahmen unmittelbar an den Fronten des Großen Vaterländischen Krieges teil; unsere mutige Jugend, die an allen Abschnitten der Front und des Hinterlandes ihren unschätzbaren Beitrag zur Verteidigung der sowjetischen Heimat, zur Zerschlagung des Feindes leistete.

Unvergänglich sind die Verdienste der Sowjetsoldaten, unserer Befehlshaber und politischen Funktionäre auf allen Ebenen, die bereits in den ersten Monaten des Krieges, nach dem Verlust eines beträchtlichen Teils der Armee, nicht den Kopf verloren, sondern es verstanden, sich in der Bewegung umzugruppieren, im Laufe des Krieges eine mächtige und heroische Armee zu schaffen und nicht nur den Druck eines starken und hinterhältigen Feindes abzuwehren, sondern ihn auch zu zerschlagen.

Die Ruhmestat des sowjetischen Volkes im Großen Vaterländischen Krieg rettete Hunderte Millionen Menschen in Ost und West vor der drohenden Gefahr der faschistischen Unterjochung, sie wird Jahrhunderte und Jahrtausende im Gedächtnis einer dankbaren Menschheit weiterleben.

Die Hauptrolle und das Hauptverdienst bei der siegreichen Beendigung des Krieges fallen unserer Kommunistischen Partei, den Streitkräften der Sowjetunion und Dutzenden Millionen von Sowjetmenschen zu, die von der Partei erzogen wurden.

Genossen! Beschäftigen wir uns mit einigen anderen Tatsachen. Die Sowjetunion wird zu Recht als Muster eines multinationalen Staates angesehen, denn bei uns wurden in der Praxis Gleichheit und Freundschaft aller Völker gewährleistet, die unsere große Heimat bewohnen.

Um so ungeheuerlicher sind die Aktionen, deren Initiator Stalin war und die eine brutale Vergewaltigung der grundlegenden Leninschen Prinzipien der Nationalitätenpolitik des Sowjetstaates waren. Die Rede ist von der Massenumsiedlung ganzer Völker aus ihren heimatlichen Orten, darunter auch aller Kommunisten und Komsomolzen ohne jede Ausnahme, wobei derartige Aussiedlungsaktionen durch keinerlei militärische Beweggründe diktiert waren. [Engl.Anm]

So wurde noch Ende 1943, als an den Fronten des Großen Vaterländischen Krieges ein dauerhafter Umschwung zugunsten der Sowjetunion eingetreten war, der Beschluß über die Aussiedlung aller Karatschaier aus ihrem angestammten Gebiet gefaßt und durchgeführt. [Engl.Anm]

Im gleichen Zeitraum, Ende Dezember 1943, traf die gesamte Bevölkerung der Kalmykischen Autonomen Sowjetrepublik das gleiche Schicksal. Im März 1944 wurden Tschetschenen und Inguschen ausgesiedelt, die Tschetschenisch-Inguschische Autonome Republik wurde liquidiert. Im April 1944 wurden alle Balkaren aus der Kabardinisch-Balkarischen Autonomen Republik in entlegene Gebiete ausgesiedelt, die Republik in Autonome Kabardinische Republik umbenannt. [Engl.Anm]

Die Ukrainer entgingen diesem Schicksal deshalb, weil sie zu viele sind und es keine Möglichkeit ihrer Umsiedlung gab. Sonst hätte er auch sie ausgesiedelt. [Engl.Anm]

Nicht nur für Marxisten-Leninisten, sondern für jeden vernünftig denkenden Menschen ist es unverständlich, wie man die Verantwortung einzelner Personen oder Gruppen für feindliche Handlungen auf ganze Völker übertragen konnte, Frauen und Kinder, Alte, Kommunisten und Komsomolzen nicht ausgenommen, wie man ihnen gegenüber Massenrepressalien anwenden und sie Entbehrungen und Leiden aussetzen konnte.

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