Karl Marx:
Die Deutsche Ideologie
Karl Marx
Die Besessenen (Unreine Geistergeschichte)

Sankt Max hat, ohne es zu wissen, bisher weiter nichts getan als eine Anleitung zum Geistersehen gegeben, indem er die alte und neue Welt nur als "Scheinleib eines Geistes", als gespenstige Erscheinung faßte und nur Geisterkämpfe in ihr sah. Jetzt gibt er mit Bewußtsein und ex professo <wörtlich: von Berufs wegen; hier: mit Vorbedacht> eine Anleitung zum Gespenstersehen.

Anleitung zum Geistersehen.

Man muß sich zuerst in einen erzdummen Teufel verwandeln, d.h. sich als Szeliga setzen, und dann zu sich selbst sprechen, wie Sankt Max zu diesem Szeliga: "Blick umher in der Welt, und sage selbst, ob nicht aus Allem Dich ein Geist anschaut!" Ist man dahin gekommen, sich dies einzubilden, so kommen die Geister "leicht" von selbst, in der "Blume" sieht man nur den "Schöpfer", in den Bergen "einen Geist der Erhabenheit", im Wasser "einen Geist der Sehnsucht" oder die Sehnsucht des Geistes, und man hört "aus den Menschen Millionen Geister reden". Hat man es bis zu dieser Stufe gebracht, kann man mit Stirner ausrufen: "Ja, es spukt in der Ganzen Welt", so "ist der Fortgang dahin nicht schwer" (p. 93), daß man den weiteren Ausruf tut: "Nur in ihr? Nein, sie selber spukt" (Eure Rede sei Ja, Ja, Nein, Nein, was darüber ist, das ist vom Übel, nämlich logischer Übergang), "sie ist der wandelnde Scheinleib eines Geistes, sie ist ein Spuk." Dann "schau" getrost "in die Nähe oder in die Ferne, Dich umgibt eine gespenstige Welt - - Du siehst Geister". Hiermit kannst Du zufrieden sein, wenn Du ein gewöhnlicher Mensch bist; gedenkst Du aber Dich mit Szeliga messen zu können, so kannst Du auch in Dich selbst schauen und darfst "Dich dann nicht wundern", wenn Du bei dieser Gelegenheit und auf dieser Höhe der Szeligaität findest, daß auch "Dein Geist in Deinem Leibe spukt", daß Du selbst ein Gespenst bist, das "auf Erlösung harrt, nämlich ein Geist". Hiermit bist Du so weit gekommen, daß Du in "Allen" Menschen "Geister" und "Gespenster" sehen kannst, womit die Geisterseherei "ihr letztes Absehen erreicht". p. 46, 47.

Die Grundlage dieser Anleitung findet sich, nur viel richtiger ausgedrückt, bei Hegel u. a. "Geschichte der Philosophie" III, p. 124, 125. Der heilige Max glaubt seiner eignen Anleitung so sehr, daß er darüber selbst zum Szeliga wird und behauptet: "Seit das Wort Fleisch geworden ist, seitdem ist die Welt vergeistigt, verzaubert, ein Spuk." p. 47. "Stirner" "sieht Geister".

Sankt Max beabsichtigt, uns eine Phänomenologie des christlichen Geistes zu geben, und nimmt nach seiner Gewohnheit nur die eine Seite heraus. Den Christen war die Welt nicht allein vergeistigt, sondern ebensosehr entgeistigt, wie Hegel z.B. in der ebengenannten Stelle dies ganz richtig anerkennt und die beiden Seiten miteinander in Beziehung bringt, was Sankt Max, wenn er historisch verfahren wollte, ebenfalls hätte tun müssen. Der Entgeistigung der Welt im christlichen Bewußtsein gegenüber können die Alten, "die überall Götter sahen", mit gleichem Recht als Vergeistiger der Welt aufgefaßt werden, eine Auffassung, die unser heiliger Dialektiker mit der wohlmeinenden Ermahnung zurückweist: "Götter, mein lieber Neuer, sind keine Geister." p. 47. Der gläubige Max erkennt nur den heiligen Geist als Geist an.

Aber selbst wenn er uns diese Phänomenologie gegeben hätte (was nach Hegel übrigens überflüssig ist), so hätte er uns noch Nichts gegeben. Der Standpunkt, auf dem man sich mit solchen Geistergeschichten begnügt, ist selbst ein religiöser, weil man sich auf ihm bei der Religion beruhigt, die Religion als causa sui <Ursache ihrer selbst> auffaßt (denn auch "das Selbstbewußtsein" und "der Mensch" sind noch religiös), statt sie aus den empirischen Bedingungen zu erklären und nachzuweisen, wie bestimmte industrielle und Verkehrsverhältnisse notwendig mit einer bestimmten Gesellschaftsform, damit einer bestimmten Staatsform, und damit einer bestimmten Form des religiösen Bewußtseins verbunden sind. Hätte Stirner sich die wirkliche Geschichte des Mittelalters angesehen, so hätte er finden können, warum die Vorstellung der Christen von der Welt im Mittelalter gerade diese Gestalt annahm, und wie es kam, daß sie später in eine andre überging; er hätte finden können, daß "das Christentum" gar keine Geschichte hat und alle die verschiednen Formen, in denen es zu verschiednen Zeiten aufgefaßt wurde, nicht "Selbstbestimmungen" und "Fortentwicklungen" "des religiösen Geistes" waren, sondern von ganz empirischen, allem Einflusse des religiösen Geistes entzogenen Ursachen bewirkt wurden.

Da Stirner "nicht am Schnürchen geht" (p. 45), so kann, ehe wir auf die Geisterseherei weiter eingehen, schon hier gesagt werden, daß die verschiedenen "Wandlungen" der Stirnerschen Menschen und ihrer Welt nur in der Verwandlung der ganzen Weltgeschichte in den Leib der Hegelschen Philosophie bestehen; in Gespenster, die nur zum Schein ein "Anderssein" der Gedanken des Berliner Professors sind. In der "Phänomenologie", der Hegelschen Bibel, "dem Buch", werden zunächst die Individuen in "das Bewußtsein" [und die] Welt in "den Gegenstand" ver[wa]ndelt, wodurch die Mannigfaltigkeit des Lebens und der Geschichte sich auf ein verschiedenes Verhalten "des Bewußtseins" zu "dem Gegenstande" reduziert. Dies verschiedene Verhalten wird wieder auf drei Kardinalverhältnisse reduziert: 1. Verhältnis des Bewußtseins zum Gegenstand als der Wahrheit oder zur Wahrheit als bloßem Gegenstand (z.B. sinnliches Bewußtsein, Naturreligion, ionische Philosophie, Katholizismus, Autoritätsstaat pp.) - 2. Verhältnis des Bewußtseins als des Wahren zum Gegenstand (Verstand, geistige Religion, Sokrates, Protestantismus, französische Revolution) - 3. wahres Verhalten des Bewußtseins zur Wahrheit als Gegenstand oder zum Gegenstand als Wahrheit (logisches Denken, spekulative Philosophie, der Geist als für den Geist). Das erste wird auch bei Hegel gefaßt als Gottvater, das zweite als Christus, das dritte als Heiliger Geist usw. Stirner hat diese Wandlungen schon angebracht bei Kind und Jüngling, Alten und Neuen, wiederholt sie später bei Katholizismus und Protestantismus, Neger und Mongole etc. und akzeptiert diese Reihe von Verkleidungen eines Gedankens nun auf Treu und Glauben als die Welt, gegen die er sich als "leibhaftiges Individuum" geltend zu machen, zu behaupten hat.

Zweite Anleitung zum Geistersehen.

Wie man die Welt in das Gespenst der Wahrheit und sich selbst in einen Geheiligten oder Gespenstigen verwandelt. Ein Gespräch zwischen Sankt Max und Szeliga, seinem Knecht. (p. 47, 48.)

Sankt Max. "Du hast Geist, denn Du hast Gedanken. Was sind Deine Gedanken?"

Szeliga. "Geistige Wesen."

Sankt Max. "Also keine Dinge?"

Szeliga. "Nein, aber der Geist der Dinge, die Hauptsache an allen Dingei, ihr Innerstes, ihre - Idee."

Sankt Max. "Was Du denkst, ist mithin nicht bloß Dein Gedanke?"

Szeliga. "Im Gegenteil, es ist das Wirklichste, das eigentlich Wahre an der Welt: es ist die Wahrheit selber; wenn ich nur wahrhaft denke, so denke ich die Wahrheit. Ich kann mich zwar über die Wahrheit täuschen und sie verkennen; wenn ich aber wahrhaft erkenne, so ist der Gegenstand meiner Erkenntnis die Wahrheit."

Sankt Max. "So trachtest Du wohl allezeit die Wahrheit zu erkennen?"

Szeliga. "Die Wahrheit ist mir heilig. - - Die Wahrheit kann ich nicht abschaffen; an die Wahrheit glaube ich, darum forsche ich in ihr; über sie geht's nicht hinaus, sie ist ewig. Heilig, ewig ist die Wahrheit, sie ist das Heilige, das Ewige."

Sankt Max (erbost). Du aber, der Du von diesem Heiligen Dich erfüllen lässest, wirst selbst geheiligt!" Also, wenn Szeliga einen Gegenstand wahrhaft erkennt, so hört der Gegenstand auf, Gegenstand zu sein, und wird "die Wahrheit". Erste Gespensterfabrikation im Großen. - Es handelt sich nun nicht mehr um das Erkennen der Gegenstände, sondern um die Erkenntnis der Wahrheit; erst erkennt er Gegenstände wahrhaft, das fixiert er als Wahrheit der Erkenntnis, und diese verwandelt er in Erkenntnis der Wahrheit. Nachdem sich so Szeliga von dem drohenden Heiligen die Wahrheit als Gespenst hat aufbinden lassen, so rückt ihm sein gestrenger Herr mit der Gewissensfrage auf den Leib, ob er "allezeit" trächtig sei mit der Sehnsucht nach Wahrheit, worauf der verwirrte Szeliga etwas vor der Zeit mit der Antwort hervorplatzt - die Wahrheit ist mir heilig. Er merkt aber sogleich sein Versehen und nimmt es nach, indem er beschämt die Gegenstände in Wahrheiten, nicht mehr in die Wahrheit, verwandelt und sich als die Wahrheit dieser Wahrheiten "die Wahrheit" abstrahiert, die er nun nicht mehr abschaffen kann, nachdem er sie von den abschaffbaren Wahrheiten unterschieden hat. Damit ist sie dann "ewig". Aber nicht damit zufrieden, ihr Prädikate wie "heilig, ewig" beizulegen, verwandelt er sie in das Heilige, das Ewige als Subjekt. Jetzt kann ihm Sankt Max natürlich erklären, daß er, nachdem er sich vom Heiligen habe "erfüllen" lassen, "selbst geheiligt werde", und sich "nicht wundern dürfe", wenn er nunmehr in sich "nichts als einen Spuk finde". Der Heilige beginnt sodann eine Predigt: "Auch ist das Heilige nicht für Deine Sinne" und schließt ganz folgerichtig durch ein "und" an: "niemals entdeckst Du als ein Sinnlicher seine Spur"; nachdem nämlich die sinnlichen Gegenstände "alle jeworden" sind und an ihre Stelle "die Wahrheit", "die Heilige Wahrheit", "das Heilige" getreten ist. "Sondern" - versteht sich! - "für Deinen Glauben, oder bestimmter noch für Deinen Geist" (für Deine Geistlosigkeit), denn es ist ja selbst ein Geistiges" (per appositionem <durch den Beisatz; durch Apposition>), "ein Geist" (wieder per appos.), "ist Geist für den Geist". Dies ist die Kunst, wie man die profane Welt, die "Gegenstände", vermittelst einer arithmetischen Reihe von Appositionen in "Geist für den Geist" verwandelt. Wir können hier diese dialektische Methode der Appositionen nur noch bewundern - später werden wir Gelegenheit haben, sie zu ergründen und in ihrer ganzen Klassizität darzustellen. Die Appositionsmethode kann auch umgedreht werden - so hier, wo, nachdem wir "das Heilige" bereits erzeugt haben, es nicht wieder Appositionen erhält, sondern zur Apposition einer neuen Bestimmung gemacht wird: dies ist die Vereinigung der Progression mit der Gleichung. So wird hier der aus irgendeinem dialektischen Prozeß "übrigbleibende Gedanke an ein Anderes", dem "Ich mehr dienen sollte als Mir" (per appos.), "das Mir wichtiger sein müßte als Alles" (per appos.), "kurz, ein Etwas, worin Ich Mein Wahres Heil zu suchen hätte" (und endlich per appos. die Rückkehr auf die erste Reihe) "- ein 'Heiliges'" (p. 48). Wir haben hier zwei Progressionen, die einander gleichgesetzt werden und so zu einer großen Mannigfaltigkeit von Gleichungen Gelegenheit geben können. Hierüber später. Durch diese Methode hat dann auch "das Heilige", das wir bisher nur als eine rein theoretische Bestimmung für rein theoretische Verhältnisse kennenlernten, einen neuen praktischen Sinn bekommen, als "Etwas, worin Ich Mein wahres Heil zu suchen hätte", wodurch es möglich wird, das Heilige zum Gegensatz des Egoisten zu machen. Wir brauchen übrigens kaum zu erwähnen, daß dieser ganze Dialog, nebst nachfolgender Predigt, weiter nichts ist als eine neue Wiederholung der bereits drei- bis viermal dagewesenen Jünglingsgeschichte.

Hier, bei dem "Egoisten" angekommen, schneiden wir Stirners "Schnürchen" ab, weil wir erstens seine Konstruktion in ihrer Reinheit darzustellen haben, frei von allen dazwischengeworfenen Intermezzos, und weil zweitens er diese Intermezzi (Sancho würde nach Analogie "des Lazaroni" (Wig[and], p. 159, soll heißen Lazzarone) sagen: Intermezzi's) an andern Stellen des Buchs ohnehin wieder vorkommen, da Stirner, weit entfernt, sich nach seiner eigenen Zumutung "stets in sich zurückzunehmen", im Gegenteil sich stets von Neuem von sich gibt. Wir erwähnen nur noch eben, daß die p. 45 aufgeworfene Frage: Was ist dies vom Ich Unterschiedene, das der Geist ist, jetzt dahin beantwortet ist, daß es das Heilige, id est das dem Ich Fremde ist und daß Alles dem Ich Fremde - kraft einiger nicht ausgesprochenen Appositionen, Appositionen "an sich" - hiernach ohne Weiteres als Geist gefaßt wird. Geist, Heiliges, Fremdes sind identische Vorstellungen, denen er den Krieg erklärt, wie dies schon bei dem Jüngling und Mann ganz im Anfang fast wörtlich dagewesen ist. Wir sind also noch keinen Schritt weiter, als wir p. 20 waren.

Der Spuk

Sankt Max macht jetzt Ernst mit den "Geistern", welche die "Kinder des Geistes sind" (p. 39), mit der Gespensterhaftigkeit Aller (p. 47). Wenigstens bildet er sichs ein. In Wahrheit aber schiebt er nur seiner bisherigen Geschichtsauffassung, nach der die Menschen von vornherein die Repräsentanten von allgemeinen Begriffen waren, einen andern Namen unter. Diese allgemeinen Begriffe treten hier zuerst im negerhaften Zustande, als objektive, den Menschen gegenständliche Geister auf und heißen auf dieser Stufe Gespenster oder - Spuk. Das Hauptgespenst ist natürlich "der Mensch" selbst, da die Menschen nach dem Bisherigen nur als Repräsentanten eines Allgemeinen, Wesens, Begriffs, Heiligen, Fremden, Geistes, d. h. nur als Gespenstige, Gespenster füreinander vorhanden sind, und da schon nach Hegels "Phänomenologie" p. 255 und anderwärts der Geist, sofern er "die Form der Dingheit" für den Menschen hat, ein anderer Mensch ist. (Siehe weiter unten über "den Menschen".)

Wir sehen also hier den Himmel offen und die verschiedenen Gespenster der Reihe nach vor uns vorüberziehen. Jacques le bonhomme vergißt nur, daß er die alte und neue Zeit als Riesengespenster bereits hat vor uns vorbeiziehen lassen, wogegen alle die harmlosen Einfälle von Gott etc. wahre Lumpereien sind.

Gespenst Nr. 1: das höchste Wesen, Gott (p. 53). Wie nach dem Bisherigen zu erwarten, glaubt der alle weltgeschichtlichen Berge durch seinen Glauben versetzende Jacques le bonhomme, daß "die Menschen sich jahrtausendelang die Aufgabe setzten", sich "mit der gräßlichen Unmöglichkeit, der endlosen Danaidenarbeit abquälten" - "das Dasein Gottes zu beweisen". Über diesen unglaublichen Glauben brauchen wir kein Wort mehr zu verlieren.

Gespenst Nr. 2: das Wesen. Was unser guter Mann über das Wesen sagt, beschränkt sich nach Abzug des aus Hegel Abgeschriebenen auf "pomphafte Worte und armselige Gedanken" (p. 53). "Der Fortgang vom" Wesen "auf" das Weltwesen "ist nicht schwer", und dies Weltwesen ist natürlich

Gespenst Nr. 3, die Eitelkeit der Welt. Hierüber ist Nichts zu sagen, als daraus "leicht"

Gespenst Nr. 4, die guten und bösen Wesen werden. Hierüber wäre zwar etwas zu sagen, wird aber nichts gesagt, und sogleich zum nächsten

Gespenst Nr. 5: das Wesen und sein Reich fortgeschritten. Daß wir das Wesen hier zum zweiten Male haben, darf uns bei unsrem ehrlichen Schriftsteller, der seine "Unbeholfenheit" (Wigand, p. 166) sehr gut kennt und deshalb Alles mehrmals sagt, damit es ja nicht mißverstanden werde, keineswegs verwundern. Das Wesen wird hier zuerst als Inhaber eines "Reiches" bestimmt und sodann von ihm ausgesagt, daß es "das Wesen" ist (p. 54), worauf es sich flugs in

Gespenst Nr. 6: "die Wesen" verwandelt. Sie und sie allein zu erkennen und anzuerkennen, das ist Religion. "Ihr Reich" (der Wesen) "ist - ein Reich der Wesen." (p. 54.) Plötzlich tritt hier

Gespenst Nr. 7, der Gottmensch, Christus, ohne alle sichtbare Veranlassung herein. Von ihm weiß Stirner zu sagen, daß er "beleibt" gewesen ist. Wenn Sankt Max nicht an Christus glaubt, so glaubt er wenigstens an seinen "wirklichen Leib". Christus hat nach Stirner eine große Misère in die Geschichte gebracht, und der sentimentale Heilige erzählt mit Tränen in den Augen, "wie sich die kräftigsten Christenmenschen abgemartert haben, um ihn zu begreifen" - ja - "seelenmarternder war noch nie ein Gespenst, und kein Schamane, der bis zu rasender Wut und nervenzerreißenden Krämpfen sich aufstachelt, kann solche Qual erdulden, wie Christen sie von jenem unbegreiflichsten Gespenst erlitten". Sankt Max weint eine empfindsame Zähre auf dem Grabe der Opfer Christi und kommt dann zum "grauenhaften Wesen",

dem Gespenst Nr. 8, dem Menschen. Hier "graut" es unsrem wackeren Schriftsteller in Eins fort - "er erschrickt vor sich selbst", er sieht in jedem Menschen einen "grausigen Spuk"' einen "unheimlichen Spuk", in dem es "umgeht" (p. 55, 56). Er fühlt sich höchst unbehaglich. Der Zwiespalt zwischen Erscheinung und Wesen läßt ihn nicht ruhen. Er ist wie Nabal, der Gemahl der Abigail, von dem geschrieben steht, daß sein Wesen ebenfalls von seiner Erscheinung getrennt war: Es war ein Mann zu Maon und sein Wesen zu Carmel (1. Samuel 25, 2). Zur rechten Zeit und ehe sich der "seelengemarterte" Sankt Max aus Verzweiflung eine Kugel durch den Kopf jagt, fallen ihm plötzlich die Alten ein, die "so etwas nicht in ihren Sklaven beachteten". Dies bringt ihn auf

Gespenst Nr. 9, den Volksgeist (p. 56), über den sich Sankt Max, an dem jetzt kein Aufhalten mehr ist, ebenfalls "grausige" Einbildungen macht, um

Gespenst Nr. 10: "Alles" in einen Spuk zu verwandeln, und schließlich, wo alles Zählen aufhört, den "heiligen Geist", die Wahrheit, das Recht, das Gesetz, die gute Sache (die er noch immer nicht vergessen kann) und ein halbes Dutzend anderer, einander wildfremder Dinge in der Klasse Gespenster zusammenzuwerfen.

Sonst ist in dem ganzen Kapitel Nichts bemerkenswert als die Versetzung eines historischen Berges durch Sankt Maxens Glauben. Er meint nämlich p. 56, "nur um eines höheren Wesens willen sei man von jeher geehrt, nur als ein Gespenst für eine geheiligte, d.h." (das heißt!) "geschützte und anerkannte Person betrachtet worden". Versetzen wir diesen durch bloßen Glauben versetzten Berg wieder an seine rechte Stelle, so "heißt es nun": Nur um der geschützten, d.h. sich selbst schützenden, und privilegierten, d. h. sich selbst privilegierenden Personen willen wurden höhere Wesen verehrt und Gespenster geheiligt. Sankt Max bildet sich z.B. ein, daß im Altertum, wo jedes Volk durch materielle Verhältnisse und Interessen, z.B. Feindschaft der verschiednen Stämme etc., zusammengehalten wurde, wo wegen Mangel an Produktivkräften Jeder entweder Sklave sein oder Sklaven haben mußte etc. etc., wo es also vom "natürlichsten Interesse" (Wigand, p. [162]) war, einem Volke anzugehören - daß also damals der Begriff Volk oder "das Volkswesen" erst diese Interessen aus sich erzeugt habe; daß in der neueren Zeit, wo die freie Konkurrenz und der Welthandel den heuchlerischen, bürgerlichen Kosmopolitismus und den Begriff des Menschen erzeugte, umgekehrt die spätere philosophische Konstruktion des Menschen jene Verhältnisse als seine "Offenbarungen" (p. 51) produziert habe. Ebenso mit der Religion, dem Reich der Wesen, das er für das einzige Reich hält, von deren Wesen er aber nichts weiß, weil er sonst wissen müßte, daß sie, als Religion, weder ein Wesen noch ein Reich hat. In der Religion machen die Menschen ihre empirische Welt zu einem nur gedachten, vorgestellten Wesen, das ihnen fremd gegenübertritt. Dies ist keineswegs wieder aus andern Begriffen zu erklären, aus "dem Selbstbewußtsein" und dergleichen Faseleien, sondern aus der ganzen bisherigen Produktions- und Verkehrsweise, die ebenso unabhängig vom reinen Begriff ist wie die Erfindung der self-acting mule und Anwendung der Eisenbahnen von der Hegelschen Philosophie. Will er einmal von einem "Wesen" der Religion sprechen, d.h. von einer materiellen Grundlage dieses Unwesens, so hat er es weder im "Wesen des Menschen" noch in den Prädikaten Gottes zu suchen, sondern in der von jeder Stufe der religiösen Entwicklung vorgefundenen materiellen Welt. (Vgl. oben Feuerbach.)

Die sämtlichen "Gespenster", die wir Revue passieren ließen, waren Vorstellungen. Diese Vorstellungen, abgesehen von ihrer realen Grundlage (von der Stirner ohnehin absieht), als Vorstellungen innerhalb des Bewußtseins, als Gedanken im Kopfe der Menschen gefaßt, aus ihrer Gegenständlichkeit in das Subjekt zurückgenommen, aus der Substanz ins Selbstbewußtsein erhoben, sind - der Sparren oder die fixe Idee.

Über den Ursprung von Sankt Maxens Gespenstergeschichte siehe Feuerbach in den "Anekdotis" II, p. 66, wo es heißt : "Die Theologie ist Gespensterglaube. Die gemeine Theologie hat aber ihre Gespenster in der sinnlichen Imagination, die spekulative Theologie in der unsinnlichen Abstraktion." Da nun Sankt Max mit sämtlichen kritischen Spekulanten der neueren Zeit den Glauben teilt, daß verselbständigte Gedanken, verkörperte Gedanken - Gespenster - die Welt beherrscht haben und beherrschen, daß alle bisherige Geschichte Geschichte der Theologie gewesen sei, so war nichts leichter, als sie in eine Gespenstergeschichte zu verwandeln. Sanchos Gespenstergeschichte beruht also auf dem traditionell überlieferten Gespensterglauben der Spekulanten.

Der Sparren

"Mensch, es spukt in Deinem Kopfe! - - Du hast eine fixe Idee!" donnert der heilige Max seinen Sklaven Szeliga an. "Denke nicht, daß Ich scherze", droht er ihm. Untersteh Dich nicht zu glauben, daß der feierliche "Max Stirner" scherzen könne.

Der Mann Gottes hat wieder seinen getreuen Szeliga nötig, um vom Objekt auf das Subjekt, vom Spuk auf den Sparren zu kommen.

Der Sparren ist die Hierarchie im einzelnen Individuum, die Herrschaft des Gedankens "in ihm über ihm". Nachdem die Welt dem phantasierenden Jüngling von p. 20 als Welt seiner "Fieberphantasien", als Gespensterwelt gegenübergetreten ist, wachsen ihm die "eignen Geburten seines Kopfs" innerhalb seines Kopfs über seinen Kopf. Die Welt seiner Fieberphantasien - das ist sein Fortschritt - existiert nun als die Welt seines zerrütteten Kopfes. Sankt Max, der Mann, der die "Welt der Neuen" als den phantasierenden Jüngling sich gegenüberstehen hat, muß notwendig erklären, daß "beinahe die ganze Menschenwelt aus veritablen Narren, Narren im Tollhause bestehe". (p. 57.)

Der Sparren, den Sankt Max in den Köpfen der Menschen entdeckt, ist nichts als sein eigner Sparren, der Sparren "des Heiligen", der die Welt sub specie aeterni <vom Gesichtspunkt der Ewigkeit> betrachtet und sowohl die heuchlerischen Phrasen wie die Illusionen der Menschen für die wirklichen Motive ihrer Handlungen versieht; weswegen auch der naive, gläubige Mann getrost den großen Satz ausspricht: "Fast die ganze Menschenwelt hängt am Höheren." (p. 57.)

Der "Sparren" ist "eine fixe Idee", d.h. "eine Idee, die den Menschen sich unterworfen hat", oder, wie später populärer gesagt wird, allerlei Abgeschmacktheiten, die die Leute "sich in den Kopf gesetzt haben". Mit spielender Leichtigkeit ergibt sich für Sankt Max, daß Alles, was die Menschen sich unterworfen hat, z. B. die Notwendigkeit zu produzieren, um zu leben, und die davon abhängigen Verhältnisse eine solche "Abgeschmacktheit" oder "fixe Idee" ist. Da die Kinderwelt die einzige "Welt der Dinge" ist, wie wir in der Mythe vom "Menschenleben" sahen, so ist Alles, was "für das Kind" (von Zeit zu Zeit auch für das Tier) nicht existiert, jedenfalls "eine Idee" und "leicht auch" eine "fixe Idee". Wir sind den Jüngling und das Kind noch lange nicht los.

Das Kapitel vom Sparren hat bloß den Zweck, die Kategorie des Sparrens in der Geschichte "des Menschen" zu konstatieren. Der eigentliche Kampf gegen die Sparren zieht sich durch das ganze "Buch" und wird namentlich im zweiten Teil geführt. Wir können uns deshalb hier mit ein paar Beispielen von Sparren begnügen.

p. 59 glaubt Jacques le bonhomme, daß "unsere Zeitungen von Politik strotzen, weil sie in dem Wahne gebannt sind, der Mensch sei dazu geschaffen, ein Zoon politikon <gesellschaftliches Wesen> zu werden". Also nach Jacques je bonhomme wird Politik getrieben, weil unsre Zeitungen davon strotzen! Wenn ein Kirchenvater die Börsennachrichten unserer Zeitungen ansähe, so könnte er gar nicht anders urteilen wie Sankt Max und müßte sagen: Diese Zeitungen strotzen von Börsennachrichten, weil sie in den Wahn gebannt sind, der Mensch sei dazu geschaffen, in Fonds zu spekulieren. Also nicht die Zeitungen haben den Sparren, sondern der Sparren hat den "Stirner".

Die Verpönung der Blutschande und die Institutionen der Monogamie werden aus "dem Heiligen" erklärt, "sie sind das Heilige". Wenn bei den Persern die Blutschande nicht verpönt ist und die Institution der Polygamie bei den Türken sich vorfindet, so sind dort also Blutschande und Polygamie "das Heilige". Zwischen diesen beiden "Heiligen" wäre kein Unterschied anzugeben, als daß Perser und Türken sich andres dummes Zeug "in den Kopf gesetzt haben" als die christlich germanischen Völker. - Kirchenväterliche Manier, sich "zeitig genug" von der Geschichte "loszumachen". - Jacques le bonhomme ahnt so wenig die wirklichen, materialistischen Ursachen der Verpönung der Polygamie und Blutschande unter gewissen sozialen Verhältnissen, daß er sie nur für einen Glaubenssatz erklärt und sich in Gemeinschaft mit jedem Spießbürger einbildet, wenn einer für derartige Vergehen eingesperrt werde, so sperre ihn "die Sittenreinheit" in ein "Sittenverbesserungshaus" (p. 61), wie denn die Kerker ihm überhaupt - und hierin steht er unter dem gebildeten Bourgeois, der dies besser weiß, vgl. die Gefängnisliteratur - als Sittenverbesserungshäuser erscheinen. "Stirners" "Kerker sind die allertrivialsten Illusionen des Berliner Bürgers, die indes für ihn schwerlich ein "Sittenverbesserungshaus" genannt zu werden verdienen.

Nachdem Stirner durch eine "episodisch eingelegte" "geschichtliche Reflexion entdeckt hat, daß "es dahin kommen mußte", daß der ganze Mensch sich mit allen seinen Fähigkeiten als religiös erwies" (p 64), "so ist auch in der Tat "nicht zu verwundern", "weil wir jetzt so durch und durch religiös sind daß" der Eid "der Geschworen uns zum Tode verdammt und der Polizeidiener uns als guter Christ durch 'Amtseid' ins Loch bringt". Wenn ihn ein Gensdarme wegen Rauchens im Tiergarten anhält, so schlägt ihm nicht der kgl. preuß. dafür bezahlte und an den Strafgeldern beteiligte Gensdarme, sondern der "Amtseid" die Zigarre aus dem Munde. Geradeso verwandelt sich für ihn die Macht des Bourgeois im Geschwornengerichte, wegen des scheinheiligen Aussehens, das sich die amis du commerce <Freunde des Handels> hier geben, in die Macht des Schwörens, des Eides, in "das Heilige". Wahrlich, wahrlich, ich sage Euch: solchen Glauben habe ich in Israel nicht gefunden. (Matth[äi] 8, 10.)

"Bei so Manchem wird ein Gedanke zur Maxime, so daß nicht Er die Maxime, sondern diese vielmehr Ihn hat, und mit der Maxime hat er wieder einen festen Standpunkt." Aber "so liegt es nun nicht an Jemandes Wollen, Sollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen". Röm[er] 9, 16. Darum muß der heilige Max sogleich auf derselben Seite einige Pfähle ins Fleisch bekommen und uns selbst mehrere Maximen geben: nämlich erstens die Maxime, keine Maxime, damit zweitens die Maxime, keinen festen Standpunkt zu haben, drittens die Maxime: "Wir sollen zwar Geist haben, aber der Geist soll Uns nicht haben"; und viertens die Maxime, daß man auch sein Fleisch vernehmen soll, "denn nur wenn ein Mensch sein Fleisch vernimmt, vernimmt er sich ganz, und nur wenn er sich ganz vernimmt, ist er vernehmend oder vernünftig".