Von der ganzen saint-simonistischen Literatur hat Herr Grün kein einziges Buch in der Hand gehabt. Seine Hauptquellen sind: vor Allem der vielverachtete Lorenz Stein, ferner die Hauptquelle Steins, L. Reybaud (wofür er p. 260 an Herrn Reybaud ein Exempel statuieren will und ihn einen Philister nennt; er stellt sich auf derselben Seite, als sei ihm Reybaud erst lange, nachdem er die Saint-Simonisten abgefertigt, ganz zufällig in die Hände geraten) und stellenweise L. Blanc. Wir werden den Beweis ganz direkt liefern.
Vergleichen wir zuerst, was Herr Grün über das Leben Saint-Simons selbst sagt.
Die Hauptquellen für das Leben Saint-Simons sind die Fragmente seiner Selbstbiographie in den OEuvres de Saint-Simon, publiziert von Olinde Rodrigues, und dem "Organisateur" vom 19. Mai 1830. Wir haben hier also sämtliche Aktenstücke vor uns: 1. die Originalquellen, 2. Reybaud, der sie auszog, 3. Stein, der Reybaud benutzte, 4. die belletristische Ausgabe von Herrn Grün.
Herr Grün: "Saint-Simon kämpft den Befreiungskampf der Amerikaner mit, ohne ein besondres Interesse am Kriege selbst zu haben; es fällt ihm ein, man könne die beiden großen Weltmeere verbinden." p. 84.
Stein, p. 143: "Zuerst trat er in den militärischen Dienst ... und ging mit Bouillé nach Amerika ... In diesem Krieg, dessen Bedeutung er übrigens wohl begriff ... der Krieg als solcher, sagte er, interessierte mich nicht, nur der Zweck dieses Kriegs etc." ... "Nachdem er vergebens versucht, den Vizekönig von Mexiko für einen großen Kanalbau zur Verbindung der beiden Weltmeere zu interessieren."
Reybaud, p. 77: "Soldat de l'indépendance américaine, il servait sous Washington ... la guerre, en elle-même, ne m'intéressait pas, dit-il; mais le seul but de la guerre m'intéressait vivement, et cet intérêt m'en faisait supporter les travaux sans répugnance." <"Als Soldat der amerikanischen Unabhängigkeitsbewegung diente er unter Washington ... der Krieg selbst interessierte mich nicht, sagte er, sondern einzig der Zweck des Krieges interessierte mich lebhaft, und dieses Interesse ließ mich seine Beschwernisse ohne Widerwillen ertragen.>
Herr Grün schreibt nur ab, daß Saint-Simon "kein besondres Interesse am Kriege selbst" hatte, läßt aber die Pointe aus, nämlich sein Interesse für den Zweck dieses Kriegs.
Herr Grün läßt ferner weg, daß Saint-Simon seinen Plan beim Vizekönig habe durchsetzen wollen, und reduziert ihn dadurch auf einen bloßen "Einfall". Er läßt ebenfalls fort, weil Stein dies nur durch die Jahreszahl andeutet, daß Saint-Simon dies erst "à la paix" <"im Frieden"> tat.
Herr Grün fährt unmittelbar fort: "Später" (wann?) "entwirft er den Plan zu einer französisch-holländischen Expedition nach dem englischen Indien." (ibid).
Stein: "Er reiste 1785 nach Holland, um eine vereinigte französisch-holländische Expedition gegen die englischen Kolonien in Indien zu entwerfen." p.143.
Stein erzählt hier falsch und Grün kopiert getreu. Nach Saint-Simon selbst hatte der Herzog von La Vauguyon die Generalstaaten bestimmt, eine vereinigte Expedition mit Frankreich nach den englischen Kolonien in Indien zu unternehmen. Von sich selbst sagt er nur, daß er, "während eines Jahres die Ausführung dieses Plans betrieben" (poursuivi) habe.
Herr Grün: "In Spanien will er einen Kanal von Madrid ins Meer graben." (ibid.) Saint-Simon will einen Kanal graben, welcher Unsinn! Vorhin fiel ihm ein, jetzt will er. Grün verfälscht hier das Faktum, nicht weil er, wie oben, den Stein zu getreu, sondern weil er ihn zu oberflächlich abschreibt.
Stein, p. 44: "1786 nach Frankreich zurückgekehrt, ging er schon im folgenden Jahr nach Spanien, um dem Gouvernement einen Plan zur Vollendung eines Kanals von Madrid bis zum Meere vorzulegen." Herr Grün konnte bei raschem Lesen sich seinen obigen Satz aus dem Steinschen abstrahieren, weil es bei Stein wenigstens den Schein hat, als sei der Bauplan und die Idee des ganzen Projekts von Saint-Simon ausgegangen, während dieser nur einen Plan zur Beseitigung der bei dem längst begonnenen Kanalbau eingetretenen finanziellen Schwierigkeiten entwarf.
Reybaud: "Six ans plus tard il proposa au gouvernement espagnol un plan de canal qui devait établir une ligne navigable de Madrid à la mer." p.78. <"Sechs Jahre später unterbreitete er der spanischen Regierung den Plan eines Kanals, der eine schiffbare Verbindung zwischen Madrid und dem Meer herstellen sollte."> Derselbe Irrtum wie bei Stein.
Saint-Simon, p. XVII: "Le gouvernement espagnol avait entrepris un canal qui devait faire communiquer Madrid à la mer; cette entreprise languissait parce que ce gouvernement manquait d'ouvriers et d'argent; je me concertait avec M. le comte de Gabarrus, aujourd'hui ministre des finances, et nous présentâmes au gouvernement le projet suivant" etc. <"Die spanische Regierung hatte den Bau eines Kanals unternommen, der Madrid mit dem Meere verbinden sollte; dieses Unternehmen stockte, weil es der Regierung an Arbeitern und Geld fehlte, ich verständigte mich mit dem Grafen Cabarrus, dem heutigen Finanzminister, und wir legten der Regierung folgendes Projekt vor" usw.>
Herr Grün: "In Frankreich spekuliert er auf Nationalgüter."
Stein schildert erst Saint-Simons Stellung während der Revolution und kommt dann auf seine Spekulation in Nationalgütern, p. 144 seqq. Woher aber Herr Grün den unsinnigen Ausdruck hat: "auf Nationalgüter spekulieren", statt in Nationalgütern, auch hierüber können wir dem Leser durch Vorlage des Originals Aufklärung geben:
Reybaud, p. 78: "Revenu à Paris, il tourna son activité vers des spéculations, et trafiqua sur les domaines nationaux." <"Nach Paris zurückgekehrt, wandte er seine Tätigkeit Spekulationen zu und spekulierte in Nationalgütern." (sur ist in den meisten anderen Verbindungen mit auf zu übersetzen.)>
Herr Grün stellt seinen obigen Satz ohne alle Motivierung hin. Man erfährt gar nicht, weshalb Saint-Simon in Nationalgütern spekulierte und weshalb dies an sich triviale Faktum von Bedeutung in seinem Leben ist. Herr Grün findet nämlich überflüssig, aus Stein und Reybaud abzuschreiben, daß Saint-Simon eine wissenschaftliche Schule und ein großes industrielles Etablissement als Experimente gründen und sich das dazu nötige Kapital durch diese Spekulationen verschaffen wollte. Saint-Simon motiviert selbst seine Spekulationen hierdurch. (OEuvres, p. XIX.)
Herr Grün: "Er heiratet, um die Wissenschaft bewirten zu können, um das Leben der Menschen zu erproben, um sie psychologisch auszusaugen." (ibid.) Herr Grün überspringt hier plötzlich eine der wichtigsten Perioden Saint-Simons, die seiner naturwissenschaftlichen Studien und Reisen. Was heißt das, heiraten, um die Wissenschaft zu bewirten, heiraten, um die Menschen (die man nicht heiratet) psychologisch auszusaugen pp.? Die ganze Sache ist die: Saint-Simon heiratete, um Salons halten und dort unter Andern auch die Gelehrten studieren zu können.
Stein drückt dies so aus, p. 149: "Er verheiratet sich 1801 ... Ich habe die Ehe benutzt, um die Gelehrten zu studieren." (Vgl. Saint-Simon. p. 23.) Jetzt, durch Vergleichung des Originals, wird Herrn Grüns Unsinn verständlich und erklärlich.
Das "psychologische Aussaugen der Menschen" reduziert sich bei Stein und Saint-Simon selbst auf die Beobachtung der Gelehrten im gesellschaftlichen Leben. Saint-Simon wollte, ganz im Zusammenhange mit seiner sozialistischen Grundansicht, den Einfluß der Wissenschaft auf die Persönlichkeit der Gelehrten und auf ihr Verhalten im gewöhnlichen Leben kennenlernen. Bei Herrn Grün verwandelt sich dies in einen sinnlosen, unbestimmten, romanhaften Einfall.
Herr Grün: "Er wird arm" (wie, wodurch?), "kopiert in einem Lombard für tausend Franken Jahrgehalt - er, der Graf, der Sprößling Karls des Großen; dann" (wann und warum?) lebt er von der Gnade eines ehemaligen Dieners; später" (wann und warum?) "versucht er sich zu erschießen, wird gerettet und beginnt ein neues Leben des Studiums und der Propaganda. Jetzt erst schreibt er seine beiden Hauptwerke."
"Er wird" - "dann" - "später - "Jetzt" sollen bei Herrn Grün die Chronologie und den Zusammenhang der einzelnen Lebensmomente Saint-Simons ersetzen.
Stein, p. 156,157: "Dazu kam ein neuer und furchtbarer Feind, die allmählich immer drückender werdende äußere Not ... Nach sechs Monaten peinlichen Harrens wird ... ihm eine Stelle -" (auch den Gedankenstrich hat Herr Grün von Stein, nur daß er so pfiffig war, ihn hinter den Lombard zu stellen) "als Kopist im Lombard" (nicht, wie Herr Grün pfiffigerweise ändert, in einem Lombard", da es bekanntlich in Paris nur den einen, öffentlichen Lombard gibt) mit tausend Franken Jahrgehalt. Wunderbarer Glückswechsel jener Zeiten! Der Enkel des berühmten Höflings an Ludwigs XIV. Hofe, der Erbe einer Herzogskrone, eines mächtigen Vermögens, ein geborner Pair von Frankreich und Grande von Spanien, Kopist in einem Lombard!" Hier erklärt sich Herrn Grüns Versehen mit dem Lombard; hier, bei Stein, ist der Ausdruck am Orte. Um sich auch sonst noch von Stein zu unterscheiden, nennt Herr Grün Saint-Simon nur "Graf" und "Sprößling Karls des Großen". Letzteres hat er von Stein p. 142, Reybaud p. 77, die indes so klug sind, zu sagen, Saint-Simon leite sich selbst von Karl dem Grollen her. Statt der positiven Fakta Steins, die allerdings unter der Restauration die Armut Saint-Simons auffallend machen, erfahren wir bei Herrn Grün nur seine Verwunderung darüber, daß ein Graf und angeblicher Sprößling Karls des Großen überhaupt herunterkommen kann. Stein: "Zwei Jahre lebte er noch" (nach dem Selbstmordsversuch) ,und wirkte in ihnen vielleicht mehr als in ebensoviel Jahrzehnten seines früheren Lebens. Der 'Catéchisme des industriels' ward vollendet" (Herr Grün verwandelt dies Vollenden eines längst vorbereiteten Werks in: "Jetzt erst schrieb er" pp.) "und der 'Nouveau christianisme' pp.", p. 164, 165. p. 169 nennt Stein diese beiden Schriften "die beiden Hauptwerke seine, Lebens".
Herr Grün hat also nicht nur die Irrtümer Steins kopiert, sondern auch aus unbestimmt gehaltenen Stellen Steins neue fabriziert. Um seine Abschreiberei zu verdecken, nimmt er nur die hervorspringendsten Fakta heraus, raubt ihnen aber ihren Charakter als Fakta, indem er sie sowohl aus dem chronologischen Zusammenhange wie aus ihrer ganzen Motivierung reißt und selbst die allernotwendigsten Mittelglieder ausläßt. Was wir nämlich oben gegeben haben, ist buchstäblich Alles, was Herr Grün von Saint-Simons Leben berichtet. In dieser Darstellung wird das bewegte, tätige Leben Saint-Simons in eine Reihe von Einfällen und Ereignissen verwandelt, die weniger Interesse darbieten als das Leben des ersten besten gleichzeitigen Bauern oder Spekulanten in einer bewegten Provinz Frankreichs. Und dann, nachdem er diese biographische Sudelei hingeworfen hat, ruft er aus: "Dieses ganze, echt zivilisierte Leben!" Ja er scheut sich nicht, p. 85 zu sagen: "Saint-Simons Leben ist der Spiegel des Saint-Simonismus selbst -" als wenn dies Grünsche "Leben" Saint-Simons der Spiegel von irgend etwas wäre, außer von Herrn Grüns Art der Buchmacherei "selbst".
Wir haben uns bei dieser Biographie länger aufgehalten, weil sie ein klassisches Exempel von der Art und Weise liefert, in der Herr Grün die französischen Sozialisten gründlich behandelt. Wie er hier schon scheinbar nonchalant hinwirft, ausläßt, verfälscht, transponiert, um seine Abschreiberei zu verbergen, so werden wir später sehen, daß Herr Grün auch fernerhin alle Symptome eines innerlich beunruhigten Plagiarius entwickelt: künstliche Unordnung, um die Vergleichung zu erschweren, Auslassung von Sätzen und Worten, die er wegen Unkenntnis der Originale nicht recht versteht, aus den Zitaten seiner Vorgänger, Dichtung und Ausschmückung durch unbestimmte Phrasen, perfide Ausfälle auf die Leute, die er gerade kopiert. Ja Herr Grün ist so übereilt und hastig in seiner Abschreiberei, daß er sich oft auf Sachen beruft, von denen er dem Leser nie gesprochen, die er aber als Leser Steins im Kopfe mit sich herumträgt.
Wir gehn jetzt auf die Grünsche Darstellung der Doktrin Saint-Simons über.
Herr[n] Grün wurde aus Stein nicht recht klar, in welchem Zusammenhange der in der eben zitierten Schrift gegebene Plan zur Unterstützung der Gelehrten mit dem phantastischen Anhange der Broschüre steht. Er spricht von dieser Schrift, als wenn es sich in ihr hauptsächlich um eine neue Organisation der Gesellschaft handle, und schließt wie folgt:
"Die geistliche Macht in den Händen der Gelehrten, die weltliche Macht in den Händen der Eigentümer, die Wahl für Alle." p. 85. Vgl. Stein, p. 151, Reybaud, p. 83.
Den Satz "le pouvoir de nommer les individus appelés à remplir les fonctions des chefs de l'humanité entre les mains de tout le monde" <"die Macht zur Ernennung der Individuen, die berufen sind, die Funktionen der Führer der Menschheit auszuüben, in den Händen von jedermann">, den Reybaud aus Saint-Simon (p. 47) zitiert und Stein höchst unbeholfen übersetzt - diesen Satz reduziert Herr Grün auf "die Wahl für Alle", wodurch er allen Sinn verliert. Bei Saint-Simon ist von der Wahl des Newtonschen Rats die Rede, bei Herrn Grün handelt es sich von der Wahl überhaupt.
Nachdem Herr Grün durch vier oder fünf von Stein und Reybaud abgeschriebne Sätze längst mit den "Lettres pp." fertig geworden ist und schon vom "Nouveau christianisme" gesprochen hat, kehrt er plötzlich zu ihnen zurück.
"Aber die abstrakte Wissenschaft tut's freilich nicht." (Noch viel weniger die konkrete Unwissenheit, wie wir sehen.) "Vom Standpunkt der abstrakten Wissenschaft waren ja die 'Eigentümer' und 'Jedermann' noch auseinandergefallen." p. 87.
Herr Grün vergißt, daß er bisher nur von "der Wahl für alle", nicht von "Jedermann" gesprochen hat. Aber bei Stein und Reybaud findet er "tout le monde" und setzt daher "Jedermann" in Anführungszeichen. Er vergißt ferner, daß er den folgenden Satz Steins, wodurch das "ja" in seinem eignen Satze motiviert wird, nicht mitgeteilt hat:
"Es treten ihm" (Saint-Simon) "neben den Weisen oder Wissenden die propriétaires <Eigentümer> und tout le monde auseinander. Zwar sind Beide noch ohne eigentliche Grenze im Verhältnis zueinander ... dennoch liegt schon in jenem vagen Bilde der tout le monde der Keim der Klasse verborgen, die zu begreifen und zu heben die spätere Grundtendenz seiner Theorie ward, der classe la plus nombreuse et la plus pauvre <zahlreichsten und ärmsten Klasse> wie in der Wirklichkeit dieser Teil des Volkes damals nur potentiell da war." p. 154.
Stein hebt hervor, daß Saint-Simon zwischen propriétaires und tout le monde schon einen Unterschied, aber noch einen sehr unbestimmten macht. Herr Grün verdreht dies dahin, daß Saint-Simon den Unterschied überhaupt noch macht. Dies ist natürlich ein großes Versehen von Saint-Simon und nur dadurch zu erklären, daß er in den "Lettres" auf dem Standpunkte der abstrakten Wissenschaft sich befindet. Leider aber spricht Saint-Simon an der fraglichen Stelle gar nicht, wie Herr Grün meint, von Unterschieden in einer zukünftigen Gesellschaftsordnung. Er adressiert sich wegen einer Subskription an die ganze Menschheit, die ihm, wie er sie vorfindet, in drei Klassen geteilt erscheint: in drei Klassen, die nicht, wie Stein glaubt, savants <gelehrte>, propriétaires und tout le monde sind, sondern 1. die savants und artistes <Künstler> und alle Leute mit liberalen Ideen, 2. die Gegner der Neuerung, d.h. die propriétaires, sofern sie sich nicht der ersten Klasse anschließen, 3. das surplus de l'humanité qui se rallie au mot: Égalité <Der Rest der Menschheit, der sich bei der Parole Gleichheit versammelt>. Diese drei Klassen bilden tout le monde. Vgl. Saint-Simon, "Lettres", p. 21, 22. Da Saint-Simon übrigens an einer späteren Stelle sagt, er halte seine Verteilung der Gewalt für vorteilhaft für alle Klassen, so entspricht in der Stelle, wo er von dieser Verteilung spricht, p. 47, tout le monde offenbar dem surplus, das sich bei der Parole Gleichheit ralliiert, ohne indes die andern Klassen auszuschließen. Stein hat also in der Hauptsache das Richtige getroffen, obwohl er die Stelle p. 21, 22 nicht berücksichtigt, und Herr Grün, der das Original gar nicht kennt, klammert sich an das unbedeutende Versehen Steins, um aus seinem Räsonnement sich baren Unsinn zu abstrahieren.
Wir erhalten sogleich ein noch frappanteres Beispiel. p. 94, wo Herr Grün gar nicht mehr von Saint-Simon, sondern von seiner Schule spricht, erfahren wir unerwartet:
"Saint-Simon sagt in einem seiner Bücher die mysteriösen Worte: 'Die Frauen werden zugelassen werden, sie werden selbst ernannt werden können.' Aus diesem fast tauben Saatkorn ist der ganze ungeheure Spektakel der Emanzipation der Frauen entsprossen."
Allerdings, wenn Saint-Simon in einer beliebigen Schrift von einer Zulassung und Ernennung der Frauen, man weiß nicht wozu, gesprochen hat, so sind dies sehr "mysteriöse Worte". Dies Mysterium existiert aber nur für Herrn Grün. Das "eine der Bücher" Saint-Simons ist kein andres als die "Lettres d'un habitant de Genève". Nachdem Saint-Simon hier gesagt hat, daß jeder Mensch für den Newtonschen Rat oder dessen Abteilungen unterschreiben kann, fährt er fort: Les femmes seront admises à souscrire, elles pourront être nommées < Die Frauen werden zum Unterschreiben zugelassen werden, sie werden ernannt werden können.>. Natürlich, zu einer Stelle in diesem Rat oder seinen Abteilungen. Stein hat diese Stelle, wie sich gebührt, bei dem Buche selbst zitiert und macht dabei folgende Bemerkung: Hier pp. "finden sich alle Spuren seiner späteren Ansicht und selbst seiner Schule im Keime wieder, und selbst der erste Gedanke einer Emanzipation der Frauen". p. 152. Stein hebt auch richtig in einer Note hervor, daß Olinde Rodrigues diese Stelle in seiner Ausgabe von 1832 als einzige Belegstelle für die Frauenemanzipation bei Saint-Simon selbst aus polemischen Gründen groß drucken ließ. Grün, um seine Abschreiberei zu verbergen, versetzt diese Stelle von dem Buch, wohin sie gehört, in die Schule, macht den obigen Unsinn daraus, verwandelt Steins "Keim" in ein "Saatkorn" und bildet sich kindischerweise ein, die Lehre von der Emanzipation der Frauen sei aus dieser Stelle hervorgegangen.
Herr Grün riskiert eine Ansicht über einen Gegensatz, worin die "Briefe eines Bewohners von Genf" zum "Katechismus der Industriellen" stehen sollen und der darin besteht, daß im "Katechismus" das Recht der travailleurs geltend gemacht wird. Herr Grün mußte diesen Unterschied allerdings zwischen den ihm von Stein und Reybaud überlieferten "Lettres" und dem ebenso überlieferten "Catéchisme" entdecken. Hätte er den Saint-Simon selbst gelesen, so konnte er statt dieses Gegensatzes in den "Lettres" schon sein "Saatkorn" zu der unter Andern im "Catéchisme" weiter entwickelten Anschauung finden. Z.B.: "Tous les hommes travailleront" <"Alle Menschen werden arbeiten müssen">, "Lettres", p. 60. "Si sa cervelle" (des Reichen) "ne sera pas propre au travail, il sera bien obligé de faire travailler ses bras; car Newton ne laissera sûrement pas sur cette planète ... des ouvriers volontairement inutiles dans l'atelier." <" Wenn sein Gehirn nicht zur Arbeit taugt, wird er mit den Händen arbeiten müssen; denn Newton wird auf diesem Planeten sicher keine Arbeiter dulden, die in der Werkstatt willentlich unnütz sind."> p. 64.
Da Stein diese Schrift gewöhnlich als "Catéchisme des industriels" zitiert, so kennt Herr Grün keinen andern Titel. Die Angabe des richtigen Titels wenigstens wäre um so eher von Herrn Grün zu verlangen gewesen, als er da, wo er ex officio <von Amts wegen> von dieser Schrift spricht, ihr nur zehn Zeilen dediziert.
Nachdem Herr Grün aus Stein abgeschrieben hat; daß Saint-Simon in dieser Schrift der Arbeit die Herrschaft geben will, fährt er fort:
"Die Welt teilt sich für ihn jetzt in Müßiggänger und Industrielle." p. 85.
Herr Grün begeht hier ein Falsum. Er schiebt dem "Catéchisme" eine Unterscheidung unter, die er bei Stein viel später, bei Gelegenheit der saint-simonistischen Schule, vorfindet: Stein, p. 206: "Die Gesellschaft besteht gegenwärtig nur aus Müßiggängern und Arbeitern." (Enfantin.) Statt dieser untergeschobenen Einteilung findet sich im "Catéchisme" die Einteilung in drei Klassen, die classes féodale, intermédiaire et industrielle <feudale, mittlere und industrielle Klasse>, auf die Herr Grün natürlich nicht eingehen konnte, ohne Stein abzuschreiben, da er den "Catéchisme" selbst nicht kannte.
Herr Grün wiederholt hierauf noch einmal, daß die Herrschaft der Arbeit der Inhalt des "Catéchisme" ist, und schließt dann seine Charakteristik dieser Schrift folgendermaßen:
"Wie der Republikanismus sagt: Alles für das Volk, Alles durch das Volk, so sagt Saint-Simon: Alles für die Industrie, Alles durch die Industrie." (ibid.)
Stein, p. 165: "Da Alles durch die Industrie geschieht, so muß such Alles für sie geschehen."
Wie Stein richtig angibt (p. 160, Note), findet sich bereits auf der Schrift Saint-Simons "L'industrie" von 1817 das Motto: Tout par I'industrie, tout pour elle <Alles durch die Industrie, alles für sie>. Herrn Grüns Charakteristik des "Catéchisme" besteht also darin, daß er, außer dem obigen Falsum, das Motto einer viel früheren Schrift, die er gar nicht kennt, falsch zitiert.
Hiermit hat die deutsche Gründlichkeit den "Catéchisme politique des industriels" hinreichend kritisiert. Wir finden indes noch an andern sehr zerstreuten Stellen des Grünschen Sammelsuriums einzelne hieher gehörige Glossen. Herr Grün verteilt mit innerem Vergnügen über seine eigene Schlauheit die Sachen, die er bei Steins Charakteristik dieser Schrift zusammenfindet, und verarbeitet sie mit anerkennenswerter Courage:
Herr Grün, p. 87: "Die freie Konkurrenz war ein unreiner, ein konfuser Begriff, ein Begriff, der in sich selbst eine neue Welt von Kampf und Unglück enthielt, den Kampf zwischen Kapital und Arbeit und das Unglück des kapitallosen Arbeiters. Saint-Simon reinigte den Begriff der Industrie, er reduzierte ihn auf den Begriff der Arbeiter, er formulierte die Rechte und Beschwerden des vierten Standes, des Proletariats. Er mußte das Erbrecht aufheben, weil es zum Unrecht am Arbeiter, am Industriellen wurde. Diese Bedeutung hat sein 'Katechismus der Industriellen'."
Herr Grün fand bei Stein, p. 169, bei Gelegenheit des "Catéchisme": "Das ist mithin die wahre Bedeutung Saint-Simons, diesen Gegensatz" (von Bourgeoisie und peuple <Volk>) "als einen bestimmten vorausgesehen zu haben." Dies das Original zu der "Bedeutung" des "Katechismus"' bei Herrn Grün.
Stein: "Er" (Saint-Simon im "Catéchisme") "beginnt mit dem Begriff des industriellen Arbeiters. Hieraus macht Herr Grün den kolossalen Unsinn, daß Saint-Simon, der die freie Konkurrenz als einen "unreinen Begriff" vorfand, "den Begriff der Industrie reinigte und ihn auf den Begriff der Arbeiter reduzierte". Daß der Begriff des Herrn Grün von der freien Konkurrenz und Industrie ein sehr "unreiner" und "konfuser" ist, zeigt er an allen Ecken.
Noch nicht zufrieden mit diesem Unsinn, wagt er die direkte Lüge, Saint-Simon habe die Aufhebung des Erbrechts verlangt.
Immer noch auf die Art gestützt, wie er den "Catéchisme" nach Stein versteht, sagt er p. 88: "Saint-Simon hatte die Rechte des Proletariats festgesetzt, er hatte die neue Parole bereits ausgegeben: Die Industriellen, die Arbeiter sollen auf die erste Stufe der Macht erhoben werden. Das war einseitig, aber jeder Kampf führt die Einseitigkeit mit sich; wer nicht einseitig ist, kann nicht kämpfen." Herr Grün mit seiner schönrednerischen Maxime von der Einseitigkeit begeht hier selbst die Einseitigkeit, den Stein dahin mißzuverstehen, Saint-Simon habe die eigentlichen Arbeiter, die Proletarier, "auf die erste Stufe der Macht erheben" wollen. Vgl. p. 102, wo über Michel Chevalier gesagt wird: "M. Chevalier spricht noch mit sehr großer Teilnahme von den Industriellen ... aber dem Jünger sind die Industriellen nicht mehr die Proletarier, wie dem Meister; er faßt Kapitalist, Unternehmer und Arbeiter in einen Begriff zusammen, rechnet also die Müßiggänger mit zu einer Kategorie, die nur die ärmste und zahlreichste Klasse umfassen sollte."
Bei Saint-Simon gehören zu den industriellen außer den Arbeitern auch die fabricants, négociants <Fabrikanten, Kaufleute>, kurz, sämtliche industrielle Kapitalisten, an die er sich sogar vorzugsweise adressiert. Herr Grün konnte dies bereits auf der ersten Seite des "Catéchisme" finden. Man sieht aber, wie er, ohne die Schrift selbst je gesehen zu haben, nach dem Hörensagen belletristisch über sie phantasiert.
Bei seiner Besprechung des "Catéchisme" sagt Stein: "Von ... kommt Saint-Simon zu einer Geschichte der Industrie in ihrem Verhältnis zur Staatsgewalt ... er ist der erste, der es zum Bewußtsein gebracht hat, daß in der Wissenschaft der Industrie ein staatliches Moment verborgen liege ... es läßt sich nicht leugnen, daß ihm ein wesentlicher Anstoß gelungen ist. Denn erst seit ihm besitzt Frankreich eine Histoire de l'économie politique" pp., p. 165, 170. Stein selbst ist im höchsten Grade konfus, wenn er von einem "staatlichen Moment" in "der Wissenschaft der Industrie" spricht. Er zeigt indes, daß er eine richtige Ahnung hatte, indem er hinzufügt, daß die Geschichte des Staats aufs genaueste zusammenhänge mit der Geschichte der Volkswirtschaft.
Sehen wir, wie Herr Grün später, da er von der saint-simonistischen Schule spricht, diesen Fetzen Steins sich aneignet.
"Saint-Simon hatte in seinem 'Katechismus der Industriellen' eine Geschichte der Industrie versucht, indem er das staatliche Element in ihr hervorhob. Der Meister selbst brach also die Bahn zur politischen Ökonomie." p. 99.
Herr Grün verwandelt "also" zunächst das "staatliche Moment" Steins in ein "staatliches Element" und macht es zu einer sinnlosen Phrase, indem er die näheren Data, die Stein gegeben hatte, wegläßt. Dieser "Stein, den die Bauleute verworfen haben", ist für Herrn Grün wirklich zum "Eckstein" seiner "Briefe und Studien" geworden. Zugleich aber auch zum Stein des Anstoßes. Aber noch mehr. Während Stein sagt, Saint-Simon habe durch Hervorhebung dieses staatlichen Moments in der Wissenschaft der Industrie die Bahn gebrochen zur Geschichte der politischen Ökonomie, läßt Herr Grün ihn die Bahn zur politischen Ökonomie selbst brechen. Herr Grün räsoniert etwa so: Ökonomie gab es bereits vor Saint-Simon; wie Stein erzählt, hob er das staatliche Moment in der Industrie hervor, machte also die Ökonomie staatlich - staatliche Ökonomie = politische Ökonomie, also brach Saint-Simon die Bahn zur politischen Ökonomie. Herr Grün verrät unleugbar einen sehr heitern Geist bei Bildung seiner Konjekturen.
Der Art, wie Herr Grün Saint-Simon die Bahn zur politischen Ökonomie brechen läßt, entspricht die Art, wie er ihn die Bahn zum wissenschaftlichen Sozialismus brechen läßt: "Er" (der Saint-Simonismus) enthält ... den wissenschaftlichen Sozialismus, indem Saint-Simon sein ganzes Leben lang nach der neuen Wissenschaft suchte"! p. 82.
Herr Grün gibt in derselben glänzenden Weise wie bisher Auszüge aus den Auszügen von Stein und Reybaud mit belletristischer Ausschmückung und unbarmherziger Zerreißung der bei diesen zusammengehörigen Glieder. Wir geben nur ein Beispiel, um zu zeigen, daß er auch diese Schrift nie in der Hand gehabt hat.
"Es galt für Saint-Simon, eine einheitliche Weltanschauung herstellen, wie sie für organische Geschichtsperioden paßt, die er ausdrücklich den kritischen gegenüberstellt. Seit Luther leben wir nach seiner Meinung in einer kritischen Periode, er gedachte den Anfang der neuen organischen Periode zu begründen. Daher das 'Neue Christentum'." p. 88.
Saint-Simon hat nie und nirgends die organischen Geschichtsperioden den kritischen gegenübergestellt. Herr Grün lügt dies geradezu. Erst Bazard machte diese Einteilung. Herr Grün fand bei Stein und Reybaud, daß im "Nouveau christianisme" Saint-Simon die Kritik Luthers anerkennt, aber seine positive, dogmatische Doktrin mangelhaft findet. Herr Grün wirft diesen Satz mit seinen Reminiszenzen aus ebendenselben Quellen über die saint-simonistische Schule zusammen und fabriziert daraus seine obige Behauptung.
Nachdem Herr Grün in der geschilderten Weise über Saint-Simons Leben und Werke mit einziger Benutzung von Stein und dessen Leitfaden Reybaud einige belletristische Phrasen gemacht hat, schließt er mit dem Ausruf:
"Und diesen Saint-Simon haben die Philister der Moral, Herr Reybaud und mit ihm die ganze Schar deutscher Nachschwätzer, in Schutz nehmen zu müssen geglaubt, indem sie mit ihrer gewöhnlichen Weisheit orakelten, ein solcher Mensch, ein solches Leben seien nicht nach gewöhnlichen Maßstäben zu messen! - Sagt doch, sind Eure Maßstäbe von Holz? Sprecht die Wahrheit, es soll uns lieb sein, wenn sie von recht festem Eichenstamm sind. Gebt sie her, wir wollen sie als ein kostbares Geschenk dankbar hinnehmen, wir wollen sie nicht verbrennen, behüte! Wir wollen den Rücken der Philister mit ihnen - messen." p. 89.
Durch solche belletristische burschikose Phrasen dokumentiert Herr Grün seine Überlegenheit über seine Vorbilder.
Da Herr Grün von den Saint-Simonisten geradesoviel gelesen hat wie von Saint-Simon selbst, nämlich Nichts, so hätte er wenigstens einen ordentlichen Auszug aus Stein und Reybaud machen, die chronologische Reihenfolge beobachten, den Verlauf im Zusammenhange erzählen, die nötigen Punkte erwähnen sollen. Statt dessen tut er, durch sein böses Gewissen verleitet, das Gegenteil, wirft möglichst durcheinander, läßt die allernotwendigsten Dinge aus und richtet eine Konfusion an, die noch größer ist als in seiner Darstellung von Saint-Simon. Wir müssen uns hier noch kürzer fassen, da wir ein Buch schreiben müßten, so dick wie das des Herrn Grün, um jedes Plagiat und jeden Schnitzer hervorzuheben.
Über die Zeit vom Tode Saint-Simons bis zur Julirevolution, die Zeit, worin mit die bedeutendste theoretische Entwicklung des Saint-Simonismus fällt, erfahren wir nichts: Hiermit fällt sogleich der bedeutendste Teil des Saint-Simonismus, die Kritik der bestehenden Zustände, ganz fort für Herrn Grün. Es war in der Tat auch schwer, hierüber etwas zu sagen, ohne die Quellen selbst, namentlich die Journale, zu kennen.
Herr Grün eröffnet seinen Kursus über die Saint-Simonisten mit folgendem Satze: "Jedem nach seiner Fähigkeit, jeder Fähigkeit nach ihren Werken, so heißt das praktische Dogma des Saint-Simonismus." Wie Reybaud, p. 96, diesen Satz als Übergangspunkt von Saint-Simon zu den Saint-Simonisten darstellt, so Herr Grün, der fortfährt: "Es entspringt unmittelbar aus dem letzten Worte Saint-Simons: allen Menschen die freiste Entwicklung ihrer Anlagen zu sichern." Herr Grün wollte sich hier von Reybaud unterscheiden. Reybaud knüpft dieses "praktische Dogma" an den "Nouveau christianisme" an. Herr Grün hält dies für einen Einfall Reybauds und substituiert dem "Nouveau christianisme" ungeniert das letzte Wort Saint-Simons. Er wußte nicht, daß Reybaud nur einen wörtlichen Auszug aus der "Doctrine de Saint-Simon, Exposition, première année", p. 70, gab. Herr Grün weiß sich nicht recht zu erklären, wie hier bei Reybaud, nach einigen Auszügen über die religiöse Hierarchie des Saint-Simonismus, das "praktische Dogma" plötzlich hereingeschneit kommt. Während dieser Satz erst im Zusammenhang mit den religiösen Ideen des "Nouveau christianisme" aufgefaßt auf eine neue Hierarchie hinweisen kann, während er ohne diese Ideen höchstens eine profane Klassifikation der Gesellschaft verlangt, bildet sich Herr Grün ein, aus diesem Satze allein folge die Hierarchie. Er sagt p. 91: "Jedem nach seiner Fähigkeit, das heißt die katholische Hierarchie zum Gesetz der gesellschaftlichen Ordnung machen. Jeder Fähigkeit nach ihren Werken: das heißt auch noch die Werkstatt zur Sakristei, auch noch das ganze bürgerliche Leben in eine Domäne des Pfaffen verwandeln." Bei Reybaud findet er nämlich im oben erwähnten Auszug aus der Exposition: "L'église vraiment universelle va paraître ... l'église universelle gouverne le temporel comme le spirituel .... la science est sainte, l'industrie est sainte ... et tout bien est bien d'église et toute profession est une fonction religieuse, un grade dans la hiérarchie sociale. - À chacun selon sa capacité, a chaque capacité selon ses oeuvres." <"Die wahrhaft allumfassende Kirche wird erscheinen ... die allumfassende Kirche regiert das Weltliche wie das Geistliche ... die Wissenschaft ist heilig, die Industrie ist heilig... und alles Gut ist Kirchengut, und jeder Beruf ist ein geistliches Amt, ein Grad in der sozialen Hierarchie. - Jedem nach seiner Fähigkeit, jeder Fähigkeit nach ihren Werken."> Herr Grün hatte offenbar nur diese Stelle umzudrehen, nur die vorhergehenden Sätze in Folgerungen aus dem Schlußsatz zu verwandeln, um seinen ganz unbegreiflichen Satz herauszubringen.
"So wirr und kraus gestaltet sich" die Grünsche Widerspiegelung des Saint-Simonismus, daß er p. 90 erst aus dem "praktischen Dogma" ein "geistiges Proletariat", aus diesem geistigen Proletariat eine "Hierarchie der Geister" und aus dieser Hierarchie der Geister eine Spitze der Hierarchie hervorgehen läßt. Hätte er auch nur die Exposition gelesen, so würde er gesehen haben, wie die religiöse Anschauungsweise des "Nouveau christianisme" in Verbindung mit der Frage, wie denn die capacité festzustellen sei, die Notwendigkeit der Hierarchie und ihrer Spitze hereinbringt.
Mit dem Einen Satz "À chacun selon sa capacité, à chaque capacité selon ses oeuvres" hat Herr Grün seine ganze Darstellung und Kritik der Exposition von 1828/29 abgeschlossen. Den "Producteur" und "Organisateur" erwähnt er außerdem kaum einmal. Er blättert in Reybaud und findet in dem Abschnitt "Dritte Epoche des Saint-Simonismus", p. 126, Stein, p. 205: " ... et les jours suivants le Globe parut avec le sous-titre de Journal de la doctrine de Saint-Simon, laquelle était résumée ainsi sur la première page:
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Religion |
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Science |
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Industrie |
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Association universelle. |
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Herr Grün springt nun unmittelbar von dem obigen Satze ins Jahr 1831, indem er folgendermaßen Reybaud verarbeitet (p. 91):
"Die Saint-Simonisten stellten folgendes Schema ihres Systems auf, dessen Formulierung besonders das Werk Bazards war:
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Religion |
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Wissenschaft |
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Industrie |
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Allgemeine Assoziation |
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Herr Grün läßt drei Sätze fort, die ebenfalls auf dem Titel des "Globe" stehen und sich Alle auf praktische soziale Reformen beziehen. Sie finden sich sowohl bei Stein wie bei Reybaud. Er tut dies, um dies bloße Aushängeschild eines Journals in ein "Schema" des Systems verwandeln zu können. Er verschweigt, daß es auf dem Titel des "Globe" stand, und kann nun im verstümmelten Titel dieses Blattes den ganzen Saint-Simonismus durch die kluge Bemerkung kritisieren, daß die Religion obenan stehe. Er konnte übrigens bei Stein finden, daß im "Globe" dies keineswegs der Fall ist. Der "Globe" enthält, was Herr Grün freilich nicht wissen konnte, die ausführlichsten und wichtigsten Kritiken der bestehenden, besonders der ökonomischen Zustände Woher Herr Grün die neue, aber wichtige Nachricht hat, daß die "Formulierung dieses Schemas" von vier Worten "besonders das Werk Bazards war", ist schwer zu sagen.
Vom Januar 1831 springt Herr Grün jetzt zurück zum Oktober 1830:
"Ein kurzes, aber umfassendes Glaubensbekenntnis adressierten die Saint-Simonisten in der Periode Bazard" (woher die?) "kurz nach der Julirevolution an die Deputiertenkammer, nachdem die Herren Dupin und Mauguin sie von der Tribüne herab bezichtigt hatten, Güter- und Weibergemeinschaft zu lehren." Folgt nun diese Adresse, und macht Herr Grün darauf die Bemerkung: "Wie vernünftig und gemessen ist das Alles noch. Bazard redigierte die Eingabe an die Kammer." p. 92-94. Was zunächst diese Schlußbemerkung betrifft, so sagt Stein, p. 205: "Seiner Form und Haltung nach stehen wir keinen Augenblick an, es" (dies Aktenstück) "mit Reybaud Bazard mehr zuzuschreiben als Enfantin." Und Reybaud, p. 123: "Aux formes, aux prétentions assez modérées de cet écrit il est facile de voir qu'il provenait plutôt de l'impulsion de M. Bazard que de celle de son collègue." <"An den Formen, an den ziemlich gemäßigten Forderungen dieser Schrift sieht man leicht, daß sie eher dem Anstoß des Herrn Bazard als dem seines Kollegen entsprang."> Herrn Grüns geniale Kühnheit verwandelt Reybauds Vermutung, daß Bazard eher als Enfantin den Anstoß zu dieser Adresse gab, in die Gewißheit, daß er sie ganz redigierte. Der Übergang zu diesem Aktenstück ist übersetzt aus Reybaud, p. 122: "MM. Dupin et Mauguin signalèrent du haut de la tribune une secte qui prêchait la communauté des biens et la communauté des femmes." <"Die Herren Dupin und Mauguin wiesen von der Tribüne herab auf eine Sekte hin, die Güter- und Weibergemeinschaft predigt."> Nur läßt Herr Grün das von Reybaud gegebne Datum weg und sagt dafür: "kurz nach der Julirevolution". Die Chronologie paßt überhaupt nicht in die Art des Herrn Grün, sich von seinen Vorgängern zu emanzipieren. Von Stein unterscheidet er sich hier, indem er in den Text setzt, was bei Stein in einer Note steht, indem er den Eingangspassus der Adresse wegläßt, indem er fonds de production (produktives Kapital) mit "Grundvermögen" und classement social des individus (gesellschaftliche Klassifizierung der Individuen) mit "gesellschaftliche Ordnung der Einzelnen" übersetzt.
Folgen nun einige liederliche Notizen über die Geschichte der saint-simonistischen Schule, welche mit derselben künstlerischen Plastik aus Stein, Reybaud und L. Blanc zusammengewürfelt sind wie oben das Leben Saint-Simons. Wir überlassen dem Leser, diese im Buche selbst nachzusehen.
Wir haben dem Leser jetzt Alles mitgeteilt, was Herr Grün vom Saint-Simonismus in der Periode Bazard, d.h. seit dem Tode Saint-Simons bis zum ersten Schisma, zu sagen weiß. Er kann jetzt einen belletristisch-kritischen Trumpf ausspielen, indem er Bazard einen "schlechten Dialektiker" nennt und fortfährt:
"Aber so sind die Republikaner. Sie wissen nur zu sterben, Cato wie Bazard; wenn sie sich nicht erdolchen, lassen sie sich das Herz brechen." p. 95.
"Wenige Monate nach diesem Streite brach ihm" (Bazard) "das Herz." Stein, p. 210.
Wie richtig die Bemerkung des Herrn Grün ist, beweisen Republikaner wie Levasseur, Carnot, Barère, Billaud-Varennes, Buonarroti, Teste, d'Argenson etc. etc.
Folgen nun einige banale Phrasen über Enfantin, wo wir bloß auf folgende Entdeckung des Herrn Grün aufmerksam machen: "Wird es an dieser geschichtlichen Erscheinung endlich klar, daß die Religion nichts ist als Sensualismus, daß der Materialismus kühn denselben Ursprung in Anspruch nehmen darf wie das heilige Dogma selbst?" p. 97.
Herr Grün blickt selbstgefällig um sich: "Hat wohl schon Jemand daran gedacht?" Er würde nie "daran gedacht" haben, wenn nicht schon die "Hallischen Jahrbücher" bei Gelegenheit der Romantiker "daran gedacht" hätten. Man hätte übrigens hoffen können, daß seit der Zeit Herr Grün weiter gedacht hätte. Herr Grün weiß, wie wir gesehen haben, von der ganzen ökonomischen Kritik der Saint-Simonisten Nichts. Indessen benutzt er Enfantin, um auch über die ökonomischen Konsequenzen Saint-Simons, von denen er schon oben fabelte, ein Wort zu sagen. Er findet nämlich bei Reybaud, p. 129 seqq., und Stein, p. 206, Auszüge aus der "Politischen Ökonomie" Enfantins, verfälscht aber auch hier, indem er die Aufhebung der Steuern auf die notwendigsten Lebensbedürfnisse, welche Reybaud und Stein nach Enfantin richtig als Konsequenz der Vorschläge über das Erbrecht darstellen, zu einer gleichgültigen, unabhängigen Maßregel neben diesen Vorschlägen macht. Er beweist auch darin seine Originalität, daß er die chronologische Ordnung verfälscht, zuerst vom Priester Enfantin und Ménilmontant und dann vom Ökonomen Enfantin spricht, während seine Vorgänger die Ökonomie Enfantins in der Periode Bazard gleichzeitig mit dem "Globe" behandeln, für den sie geschrieben wurde. Wenn er hier die Periode Bazard in die Periode Ménilmontant hereinzieht, so zieht er später, wo er von der Ökonomie und M. Chevalier spricht, wieder die Periode von Ménilmontant herein. Das "Livre nouveau" gibt ihm hiezu Gelegenheit, und wie gewöhnlich verwandelt er die Vermutung Reybauds, daß M. Chevalier der Verfasser dieser Schrift sei, in eine kategorische Behauptung.
Herr Grün hat jetzt den Saint-Simonismus "in seiner Gesamtheit" (p. 82) dargestellt. Er hat sein Versprechen gehalten, "ihn nicht in seine Literatur hinein kritisch zu verfolgen" (ibid.), und hat sich daher in eine ganz andere "Literatur", in Stein und Reybaud, höchst unkritisch verwickelt. Zum Ersatz gibt er uns einige Aufschlüsse über M. Chevaliers ökonomische Vorlesungen von 1841/42, wo er längst aufgehört hatte, Saint-Simonist zu sein. Herrn Grün lag nämlich, als er über den Saint-Simonismus schrieb, eine Kritik dieser Vorlesungen in der "Revue des deux Mondes" vor, die er in derselben Weise benutzen konnte wie bisher Stein und Reybaud. Wir geben nur eine Probe seiner kritischen Einsicht:
"Er behauptet darin, es würde nicht genug produziert. Das ist ein Wort, ganz würdig der alten ökonomischen Schule mit ihren verrosteten Einseitigkeiten ... Solange die politische Ökonomie nicht einsieht, daß die Produktion abhängig von der Konsumtion ist, solange kommt diese sogenannte Wissenschaft auf keinen grünen Zweig." p. 102.
Man sieht, wie Herr Grün mit den ihm vom wahren Sozialismus überlieferten Phrasen über Konsumtion und Produktion weit über jedes ökonomische Werk erhaben dasteht. Abgesehen davon, daß er in jedem Ökonomen finden kann, daß die Zufuhr auch von der Nachfrage, d.h. die Produktion von der Konsumtion abhängt, gibt es in Frankreich sogar eine eigne ökonomische Schule, die von Sismondi, die die Produktion in einer andern Weise von der Konsumtion abhängig machen will, als dies durch die freie Konkurrenz ohnehin der Fall ist, und die den entschiedensten Gegensatz bildet zu den von Herrn Grün angefeindeten Ökonomen. Wir werden Herrn Grün übrigens erst später mit dem ihm anvertrauten Pfunde, der Einheit von Produktion und Konsumtion, mit Erfolg wuchern sehen.
Herr Grün entschädigt den Leser für die durch seine dünnen, verfälschten und mit Phrasen adulterierten Auszüge aus Stein und Reybaud erregte Langeweile durch folgendes jungdeutsch sprühendes, humanistisch glühendes und sozialistisch blühendes Raketenfeuer:
"Der ganze Saint-Simonismus als soziales System war nichts weiter als ein Sprudelregen von Gedanken, den eine wohltätige Wolke über den Boden Frankreichs ausgoß" (früher p. 82, 83 eine "Lichtmasse, aber noch als Lichtchaos (!), "nicht als geordnete Helle" !!). "Er war ein Schaustück von der erschütterndsten und lustigsten Wirkung zugleich. Der Dichter starb noch vor der Aufführung, der eine Regisseur während der Vorstellung; die übrigen Regisseure und sämtliche Schauspieler legten ihre Kostüme ab, schlüpften in ihre bürgerlichen Kleider hinein, gingen heim und taten, als sei Nichts vorgefallen. Es war ein Schauspiel, ein interessantes, zuletzt etwas verwirrt, einige Akteure chargierten - das war Alles." p. 104.
Wie richtig hat Heine seine Nachkläffer beurteilt: "Ich habe Drachenzähne gesäet und Flöhe geerntet."